Politik : Willkommen im Westen

Der Antikommunist Michael Wolffsohn gratuliert dem Maueröffner Günter Schabowski zum 80. Geburtstag

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Foto: dpa/ZB

Der „Maueröffner“ vom 9. November 1989, Günter Schabowski, wird achtzig Jahre alt. Ich möchte ihm von ganzem Herzen gratulieren. Wie das? Ein ehemaliger „Kalter Krieger“ und eingefleischter Anti-Kommunist gratuliert einem ehemaligen Mitglied des SED-Politibüros der DDR? Ja, ohne Wenn und Aber, denn in den vergangenen zwanzig Jahren ist Günter Schabowski für mich ein Vorbild geworden. Ein Vorbild praktizierter und überzeugender Vergangenheitsbewältigung. Wer die abendländische Tradition von Schuld, Sühne und Vergebung ernst nimmt, kann gar nicht anders, als Günter Schabowski zum achtizgsten Geburtstag alles Gute zu wünschen.

Schon die griechische Tragödie kennt die Katharsis, wo die auf der Bühne erlebte Schuld die Seelen der Zuschauer „reinigt“. Das Schiller’sche Theater verfolgte als „moralische Anstalt“ prinzipiell das gleiche Ziel. Bei Griechen und bei Friedrich Schiller werden Bühnencharaktere schuldig und die Seelen der Zuschauer „gereinigt“.

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski ging in seinem überwältigenden Roman „Schuld und Sühne“ weiter – und zugleich zurück zu den Wurzeln des jesuanischen und paulinischen Christentums. Jesus predigte und verkörperte das metaphysische Vergeben auch im Diesseits, und aus Saulus wurde bekanntlich Paulus: Durch neue, gute Taten wurde die Schuld der alten Taten gesühnt. Die alten Taten blieben bestehen, wurden nicht ungeschehen gemacht und nicht vergessen, doch dem sühnenden Ex-Täter wurde vergeben. Wie in der jüdischen Tradition der „Tschuwa“. Wörtlich bedeutet Tschuwa „Umkehr“, treffender übersetzt man den Begriff mit „Rückkehr“, nämlich der Rückkehr zum Pfad der Tugend, des rechten, im Sinne von „richtigen“ Weges: dem Weg der Menschlichtkeit und des Anstandes. Jeder kann, so die jüdisch-christliche Tradition auf das Nicht-rein-Religiöse angewandt, jederzeit auf diesen Weg der Menschlichkeit und des Anstandes zurückkehren.

Menschlichkeit und Anstand sind wahrlich keine Exklusiv-Tugenden von Kalten Kriegern und Antikommunisten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer „Abendland“ sagt, muss rechtlich auch „Amnestie“ und moralisch „Verzeihung“ sagen können. „Vergebung“ steht nur Gott zu, keinem Menschen. Amnestie und Verzeihung beseitigen weder die Schuld des Täters noch das gegen ihn verhängte Urteil, aber sie geben ihm die Chance zur Rückkehr zum Weg der Menschlichkeit.

Diese Tschuwa-Rückkehr hat Günter Schabowski rückhaltlos in der Nach-DDR-Zeit vollzogen. Anders als andere Mittäter, Vor-, Nach- und Mitläufer hat Günter Schabowski seine frühere Schuld nicht verleugnet. Anders als andere hat er sie rechtlich bekannt. Er hat sich über das rein Rechtliche zu seiner moralischen und politischen Schuld bekannt. Über seine metaphysische Schuld zu urteilen steht nur Gott zu oder (den großen alten Johann Wolfgang Goethe abwandelnd) nur den „Göttern“ zu, den „Unsterblichen“, nicht uns Sterblichen.

Anders als andere DDR-Schuldige und DDR-Schuldigere – von „Wendehälsen“ ganz zu schweigen – hat Günter Schabowski sich nie als „Opfer der Siegerjustiz“ präsentiert oder über diese lamentiert. Im Gegenteil. Günter Schabowski sieht und sagt es ungefähr so: Seine Richter hätten nicht nur Recht gesprochen, sie hätten auch recht. Sie hätten durch Recht der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen, soweit Recht und Gerechtigkeit in Einklang zu bringen seien. Anders formuliert: Günter Schabowski hat anerkannt, dass die Anwendung unserer rechtstaatlichen Gesetze gegen ihn gerecht war.

„Wer wirft den ersten Stein“ und verlangt noch mehr von diesem sühnend Einsichtigen? Ich nicht, denn ich nehme die jüdisch-christliche Tradition unseres Abendlandes ernst. Ich gehe sogar noch weiter und übe wohlmeinende Kritik am Jubilar. Ich finde nämlich, dass er zu demütig fühlt, denkt und handelt. Mir hat er mehrfach gesagt: „Wer bin ich, dass ich anderen, die keine Fundamentalirrtümer wie ich begingen, raten oder sie gar moralisch kritisieren könnte?“

Ich antworte ihm auch hier öffentlich: Die meisten anderen begingen keine Fundamentalirrtümer, weil sie die Gnade der West-Geburt davor schützte. Sie, lieber Günter Schabowski, sind auf dem Wege Ihrer Tschuwa-Rückkehr moralisch längst im „Westen“ angekommen. Im „Westen“ von Aufklärung und Demokratie und Menschenrechten, im „Abendland“. Mit allen guten Wünschen rufe ich Ihnen die Botschaft zu, als ein aus dem Morgenland stammender Abendländer,

Ihr Michael Wolffsohn

Der Autor ist Professor für neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Günter Schabowski hat am 9. November 1989 bei einer Pressekonferenz gesagt, die DDR-Bürger dürften nun in den Westen reisen, was diese in derselben Nacht noch massenhaft taten.

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