Willy Brandts Kniefall 1970 : Eine Geste ohne Worte

Der Pole Mieczyslaw Tomala war Dolmetscher, als Willy Brandt heute vor vierzig Jahren Warschau besuchte und am Ghettomahnmal niederkniete. Eine Geste, die auch der Übersetzung bedurft hätte.

Agnieszka Hreczuk
Ein Bild, das sich ins Gedächtnis eingegraben hat - der historische Kniefall von Willy Brandt in Warschau. Das Ereignis jährt sich am 7. Dezember 2010 zum 40. Mal.Alle Bilder anzeigen
Foto: dapd
06.12.2010 20:29Ein Bild, das sich ins Gedächtnis eingegraben hat - der historische Kniefall von Willy Brandt in Warschau. Das Ereignis jährt sich...

Nach mehreren Regentagen hatte sich endlich mal wieder die Sonne gezeigt. Es war ein Montagmorgen gewesen, ein sehr kalter Tag. Auch daran erinnert er sich 40 Jahre später noch.

Mieczyslaw Tomala sitzt in seiner Wohnung in Warschau, im Arbeitszimmer. In den Regalen an der Wand stapeln sich Bücher und Dokumentationen. Alles über Deutschland. In der Hand hält er ein kleines Heftchen. „Neun Uhr 35 bis neun Uhr 42“, liest er daraus vor. Es ist ein Originalprotokoll des Besuchs von Willy Brandt in Polen. „Andenken am Mahnmal der Helden des Ghettos“, steht für den 7. Dezember 1970 in dem Heft. „Sieben Minuten, so viel war für das Andenken vorgesehen“, sagt Tomala und rechnet noch mal. „Genau sieben. Wer hätte geahnt, dass man in so kurzer Zeit Geschichte neu schreiben könnte?“

Mieczyslaw Tomala, heute 89 Jahre alt, ein in Polen bekannter Deutschlandspezialist, Autor mehrerer Bücher zum Thema, war, als Willy Brandt nach Warschau kam, Dolmetscher. Er übersetzte zwischen dem deutschen Bundeskanzler und den polnischen Staats- und Parteichefs. Es war, mitten im Kalten Krieg, der erste offizielle Besuch eines westdeutschen Politikers in Polen, 25 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, es sollte vor allem um die Anerkennung der polnischen Westgrenze gehen.

Tomala übersetzte und spürte die positive Spannung – bei den Gesprächspartnern wie auch im ganzen Land. Und er war dabei mehr als der Sprachvermittler, er hoffte auch selbst auf ein bisschen weniger Abneigung und Misstrauen im deutsch- polnischen Verhältnis. Denn er war da seit einem Jahr mit einer Deutschen verheiratet.

„Karineczko, Karinchen“ sagt Tomala zu seiner Frau. „Sie ist das Beste, was in meinem Leben passiert ist.“ Eine große Liebe, die ungern akzeptiert wurde.

1964 lernten sich die beiden kennen. In Ostberlin, wo Karin studierte und Doktor Tomala als Gastdozent eine Vorlesungsreihe hielt. Sie heirateten, und Karin zog mit nach Warschau. Einfach war es nicht. Mieczyslaw Tomala, dessen Vater während der deutschen Okkupation gestorben war, wurde gleich nach der Heirat von seiner Mutter enterbt. Und wenn Karin Tomala mit der kleinen Tochter durch den Park spazierte und auf Deutsch mit ihr sprach, waren die Passanten empört. „Was macht diese Szwabka hier, haben sie laut gefragt“, erinnert sie sich. Szwab ist ein polnisches Schimpfwort für einen Deutschen.

Bevor Karin Tomala nach Polen kam, war ihr, das gibt sie zu, das Ausmaß der Nazi-Verbrechen nicht bewusst gewesen. „Wenn ich das alles gewusst hätte, hätte ich mich wohl nicht getraut, nach Polen zu ziehen“, sagt sie.

Willy Brandt, der im Bilde war, machte umgekehrt seine Verbundenheit klar. „Meine Großmutter war eine Polin“, habe er gesagt, als er mit dem polnischen Ministerpräsidenten Jozef Cyrankiewicz in eine Limousine stieg, erzählt Tomala und dass er selbst, Tomala, darüber erstaunt war. Dieses Detail der Kanzlerbiografie kannte er nicht. Er übersetzte. Cyrankiewicz reagierte nicht. Doch: „Er wusste, dass der Kanzler damit sagen wollte: ,Ich komme als Freund’“, sagt Tomala. Der Ministerpräsident habe es später Wieslaw Gomulka erzählt, dem Ersten Parteisekretär und wichtigsten Mann in Polen.

Brandt sei gut vorbereitet gewesen und entschlossen, einen guten Eindruck zu hinterlassen. „Wie war die Ernte?“, habe er auch gefragt, was den Ministerpräsidenten verwirrte, weil die zwar gut, aber schon im September gewesen war. Tomala lacht, als er sich erinnert.

Im Herbst war Brandt in Moskau gewesen und dort von Ministerpräsident Kosygin nach der Ernte gefragt worden. Im Ostblock war das eine Standardfrage unter Politikern. Von der erfolgreichen Ernte konnte die politische Lage abhängen. Brandt hatte sich das gemerkt, ganz aufmerksamer Gast.

Und auch Polen zeigte sich von der freundlichen Seite. Brandt war in einem für Staatsoberhäupter reservierten Quartier untergebracht, Cyrankiewicz, einst Auschwitz-Gefangener, hatte ihn am Flughafen auf Deutsch gegrüßt, das er während der Okkupation gelernt hatte. Irgendwie habe man den Eindruck gehabt, erzählt Augenzeuge Tomala, „es ging nicht nur um die Politik. Es war auch ein menschlicher Faktor dabei“.

Ende der 60er Jahre waren die Deutschen in Polen in allen Umfragen Nummer eins unter den unbeliebten Nationen. Dies galt sowohl für West- wie auch für Ostdeutsche, ganz gegen die offizielle Linie. Unter den politischen Eliten war die Stimmung ähnlich. Während des Gesprächs mit Brandt am ersten Abend, erinnert sich Tomala, habe Gomulka über deutsche Kommunisten gesprochen, die gedroht hätten, ihn an die Nazis zu verraten. Als Tomala sich aber später die Fotos vom Besuch anschaute, fiel ihm etwas auf. „Der normalerweise zugeknöpfte Erste Parteisekretär lächelte.“ Gomulka freute sich wohl über den Oder-Neiße- Vertrag, immerhin war die Anerkennung der Grenze sein Lebensziel, aber es kam noch etwas ins Spiel, davon ist Tomala überzeugt: Die Männer hätten sich wohlgefühlt, es habe eine lockere Stimmung geherrscht, „fast freundlich“.

Und dann kam die Abweichung vom Protokoll.

„Er kniet. Der Kanzler kniet“, sagte ein Journalist, der über die Schultern der Delegierten schaute.

„Der Besuch beim Mahnmal der Helden des Ghettos war ursprünglich nicht vorgesehen“, sagt Tomala. Ausländische Gäste wurden zum Grab der unbekannten Soldaten gebracht. Doch Brandt hatte drei Tage vor seinem Besuch mit der Bitte überrascht, das Mahnmal im ehemaligen Ghetto besuchen zu dürfen.

Warschau musste blitzschnell das Programm ändern. Zwischen dem Andenken am Grab und der Unterzeichnung des Vertrages wurde ein kurzer Abstecher eingeschoben. Sieben Minuten. „Aus dem Auto aussteigen, Blumen niederlegen, wieder einsteigen, so hatte man sich das vorgestellt“, sagt Mieczyslaw Tomala. Der Höhepunkt des Tages, des ganzen Besuchs, sollte die Unterzeichnung des Vertrages sein, am Mittag. Die polnischen Politiker und Diplomaten warteten schon im Namiestnikowski-Palast, dem heutigen Präsidentenamtssitz. Die deutschen Diplomaten und ein paar Journalisten begleiteten Brandt, zufällige Augenzeugen waren die Bewohner der Nachbarhäuser, die gerade aus dem Fenster schauten.

Ein kniender Regierungschef ist kein alltägliches Bild. Die Nachricht davon verbreitete sich schneller, als der Wagen danach weiterfuhr, und war schon vor Brandt im Namiestnikowski-Palast. Eine besondere, eine erhabene Stimmung sei spürbar gewesen, sagt Tomala, obwohl kaum über das Geschehene und seine Bedeutung gesprochen wurde.

Als Tomala an jenem 7. Dezember abends nach Hause kam, war er todmüde. „Weißt du was?“, fragte er seine Frau, „Brandt hat gekniet. Vor dem Mahnmal.“ Eine gute Entscheidung, dachte sie da. „Es war ein Gefühl, dass er es gut gemacht hat, dass es ein erster Schritt Richtung Versöhnung war.“

Die Medien in Polen zeigten das Bild vom knienden Kanzler nicht. Nur in einem kleinen Blatt für die jüdischen Gemeinden in Polen erschien es. In der Filmchronik, einer Wochenschau, die in den Kinos vorm Film ausgestrahlt wurde, war der Kanzler vor dem Mahnmal der Helden des Ghettos zu sehen, doch so aufgenommen, dass man nicht sehen konnte, ob er sich gerade bei Kranzniederlegung beugte oder von den Knien erhob. Stattdessen zeigten alle Medien die Fotos von der Unterzeichnung des Vertrages. „Es war aber nicht so, dass die Leute von dem Kniefall nicht erfahren haben“, sagt Tomala. „Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht.“

Doch während die Geste in Deutschland für große Aufregung sorgte, blieben die Polen zurückhaltend. „Im Park schauten die Menschen noch lange danach unfreundlich auf mich, als ich Deutsch sprach“, sagt Karin Tomala. „Heute sieht man es als einen Wendepunkt in den deutsch-polnischen Beziehungen“, sagt ihr Mann, aber damals hätten das höchstens die Eliten geahnt. Damals war der Grenzvertrag wichtig.

Ein paar Tage nach dem Brandt-Besuch entschied Gomulka über die Preiserhöhung für Lebensmittel. Die Polen protestierten, es kam zu Ausschreitungen. Gomulka und Cyrankiewicz mussten zurücktreten. Ihre Nachfolger beendeten den Aussöhnungskurs. Sie forderten eine Entschädigung für die ehemaligen Zwangsarbeiter als Gegenleistung für die Ausreiseerlaubnis für Deutsche, die aus Polen zu ihren Familien nach Westdeutschland ziehen sollten. Und Tomala wurde an die polnische Botschaft in den Niederlanden versetzt, weit weg von den deutsch-polnischen Angelegenheiten.

In der Datenbank der polnischen Wissenschaft ist Mieczyslaw Tomala heute als ein „hervorragender Deutschlandspezialist“ verzeichnet, seine Frau Karin als „polnische Sinologin“.

Karin Tomala wurde von Lech Walesa zur Professorin ernannt. „Wissen Sie, Herr Präsident, dass Sie gerade einer Deutschen die Nominierung ausgehändigt haben?“, fragte ihn Mieczyslaw Tomala nach der Veranstaltung. „Ah so, kann schon sein“, sagte der bloß. Walesa beeindruckte die Nationalität von Professorin Tomala offenbar gar nicht.

Vieles hat sich also geändert, seit ein deutscher Bundeskanzler zum ersten Mal Polen besuchte.

„Wir sind ein wunderbares deutsch- polnisches Ehepaar“, sagt Karin Tomala und schaut sanft auf ihren Ehemann, „das sich um die deutsch-polnische Versöhnung kümmert.“ Was allerdings noch ein weiter Weg sei. Versöhnung gebe es erst, wenn der Schmerz verschwunden sei. Und dafür gebe es noch zu viele Menschen mit Erinnerungen an ermordete Freunde und Familienmitglieder, Zerstörung oder KZ. Doch wenn man über den ersten Schritt reden wolle, sagt Karin Tomala, dann habe den Willy Brandt getan.

Auf der Kommode im Wohnzimmer steht ein Foto von der Tochter. Zweisprachig wuchs sie auf, halb als Polin und halb als Deutsche. In beiden Ländern fühlt sie sich gut. Doch die Liebe brachte sie nach Deutschland, wo sie mit ihrem Mann lebt.

Tomala schlägt ein weiteres Buch auf. „Herrn Professor Tomala in der Erinnerung an einen wichtigen Tag.“ Eine Widmung, die ihm der deutsche Bundeskanzler im Dezember 1970 geschrieben hatte. „Er meinte den Kniefall“, sagt der Professor. „Ganz sicher.“

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