• „Wir brauchen einen europäischen Weg“ Wie sich der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann,

Politik : „Wir brauchen einen europäischen Weg“ Wie sich der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann,

die Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft vorstellt

-

Herr Ackermann, Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Antrittsrede mehr Optimismus in Deutschland gefordert. Fühlen Sie sich angesprochen?

Ich fühle mich sehr angesprochen, ja. In Deutschland ist gerade in den letzten Jahren viel geschehen, das in die richtige Richtung weist. Wir müssen diese positiven Veränderungen erkennen und die relativen Stärken des Landes weiterentwickeln, anstatt darüber zu jammern, dass das Glas halbleer ist. Das Glas füllt sich.

Von welchen Stärken sprechen Sie?

Wir haben hoch qualifizierte Mitarbeiter und eine ausgezeichnete Infrastruktur. Das Bildungssystem funktioniert, das Land ist stabil, wir sind geografisch gesehen gut positioniert in Europa.

Also alles in Ordnung. Haben wir da in den letzten Jahren etwas missverstanden?

Nein. Natürlich steht Deutschland nach wie vor noch vor etlichen und zum Teil gravierenden Herausforderungen. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Der Bundespräsident hat die Unternehmer und Manager zu mehr Verantwortung und zu mehr Führung gemahnt. Fühlen Sie sich als Chef der Deutschen Bank da auch noch angesprochen?

Wenn man es ganz eng definiert, dann besteht unsere Verantwortung vor allem darin, das Unternehmen so gut wie möglich zu führen. Das ist der größte volkswirtschaftliche Beitrag, den man als Chef eines Unternehmens leisten kann. Aber ich glaube, Herr Köhler hat gemeint, dass in der immer komplexeren Welt die Stimme der Unternehmensführer wieder mehr gefordert ist.

Was heißt das für Sie?

Nachdem wir zwei Jahre gut zu tun hatten, die Bank wieder nach vorne zu bringen, möchte ich jetzt wieder mehr Zeit einbringen, um gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Fragen anzusprechen.

Da sind wir gespannt: Das Ansehen deutscher und europäischer Manager in der Öffentlichkeit war noch nie so schlecht.

Das ist leider richtig. Da spielen sicher die letzten sehr schweren Jahre eine Rolle. Jahre, in denen sicher auch Unternehmer in Einzelfällen nicht besonders glücklich agiert haben, und die den Unternehmen im öffentlichen Bild sehr geschadet haben.

Sie stehen wegen der Millionenabfindungen nach der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone vor Gericht.

Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich mich zu einem laufenden Verfahren nicht äußern werde.

Wir diskutieren in Deutschland die 40-Stunden-Woche, in Europa und in den USA die Frage, wie viele Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden können oder müssen. Das ist nicht gerade das Klima, in dem neues Vertrauen wachsen kann, oder?

Vertrauen erwirbt man nicht dadurch, dass man Wahrheiten verschweigt oder einfach nur ganz nett ist. Ich glaube, dass Vertrauen und Verlässlichkeit dann entstehen, wenn die Partner wissen, dass man auf Basis einer offenen ehrlichen Analyse Entscheidungen trifft. Wichtig ist, dass die Leute das Gefühl haben, dass der Überbringer der Botschaft auch die Kraft und den Willen hat, die Dinge zum Besseren zu verändern.

Ist Ihnen das bei Ihren Mitarbeitern gelungen? Die Deutsche Bank hat sich in den vergangenen Jahren von rund 15 000 Mitarbeitern getrennt.

Ich denke ja. Wenn man ein Unternehmen in einer schwierigen Situation solide aufstellt und zukunftsfähig erhalten will, schafft das langfristig mehr Vertrauen bei den Menschen als viele Worte.

In einer demokratischen Gesellschaft aber reicht unternehmerischer Erfolg für ein Mandat zum Handeln nicht aus.

Natürlich sehen wir unsere direkte Verantwortung, an der Gestaltung der Umwelt mitzuwirken. Angesichts von Terror, Epidemien und großen Naturkatastrophen sehen wir, dass Nationalstaaten an die Grenze ihrer Handlungsfähigkeit gelangt sind. Deshalb ist ein viel ernsthafteres Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik, aber auch der Wissenschaft über Grenzen hinweg notwendig.

Sind die Berührungsängste zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in Deutschland stärker als woanders?

Ja, diesen Eindruck habe ich. Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass wir in unterschiedlichen Karrieren groß werden. Es gibt politische, wirtschaftliche, und dann auch noch wissenschaftliche Werdegänge. Aber man nutzt zu wenig Gelegenheiten, von einem Bereich in den anderen zu wechseln. Das ist in Frankreich sicher anders und auch in den USA ist dies anders.

Wären die Manager denn bereit, sich stärker zu engagieren?

Eindeutig ja. Gerade dann, wenn wir es ernst meinen mit dem europäischen Wirtschaftsmodell, dann müssen wir das sogar. Es steht zu viel auf dem Spiel. Wenn wir sehen, wie sich die großen Wirtschaftsblöcke aufstellen, die USA, China, Indien und andere, dann müssen wir in unserem eigenen Interesse beginnen, einen europäischen Weg in der Weltwirtschaft zu entwickeln. Das kann gelingen, wenn Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler ihre traditionellen, singulären Denkschemata zugunsten eines gemeinsamen Entwurfs aufgeben.

Diese Worte könnten von dem Chef einer Nichtregierungsorganisation stammen. Was sagen Ihre Aktionäre dazu, wenn der Chef anfängt, die Sprache der Politik zu lernen, anstatt Gewinn zu machen?

Das eine schließt das andere doch nicht aus. Sie können für die Aktionäre nur etwas Gutes tun, wenn Sie Mitarbeiter haben, die motiviert sind, wenn sie Kunden haben, die zufrieden sind und wenn sie eine Gesellschaft haben, die Ihnen Rahmenbedingungen bietet, in denen sie erfolgreich wirken können.

Gibt es für ein solches europäisches Modell eine Mehrheit unter europäischen Unternehmen?

Ich bin sicher, dass die Mehrheit der Unternehmensführer auf dem Kontinent das angelsächsische Modell nicht als Vorbild sehen. Weil das mit unserer Tradition und auch mit unserer Geschichte nur bedingt vereinbar ist.

Die Deutsche Bank gibt fünf Prozent ihres Jahresgewinns von 1,4 Milliarden Euro für soziale Zwecke aus. Ist das die Dividende für das alte Europa?

Nein, diese rund siebzig Millionen Euro sind die Dividende an die Gesellschaft. Das ist uns sehr wichtig. Und wir sind wirklich stolz darauf, dass wir 2003 nicht nur als beste Bank ausgezeichnet wurden, sondern auch als eines der sozial verantwortungsbewusstesten Unternehmen.

Für das alte Europa mag die Gleichung stimmen. Aber weltweit ist es doch so, dass die Globalisierung den meisten Unternehmen nutzt und vielen Menschen schadet.

Das sehe ich nicht so. Die Globalisierung hat weltweit Wohlstand vermehrt. Die Frage nach dessen Verteilung in einzelnen Regionen ist die Herausforderung.

Für wen?

Für uns alle. Die Globalisierung hat dazu geführt, dass manche wesentlich weniger profitiert haben als andere. Das darf uns nicht gleichgültig sein. Wenn ich an Epidemien wie Aids denke, oder an Terrorismus, stellen wir fest, dass es keine isolierten Ereignisse mehr gibt. Früher hätte man das vielleicht noch sagen können.

Und heute?

Alles ist miteinander verwoben, damit sind wir in einer so engen Form abhängig von Dingen und Ereignissen in anderen Teilen der Welt, dass es nicht nur unsere moralische Verpflichtung, sondern auch in unserem ureigensten Interesse ist, dafür zu sorgen, dass die Welt als Ganzes in einem friedlichen und prosperierenden Zustand ist.

Aber um Konflikte im mittleren Afrika kümmert sich noch immer am liebsten niemand, die Welt befindet sich in keinem prosperierenden Zustand. Wo handeln Sie denn?

Die Wirtschaft engagiert sich in vielen Projekten in Afrika, nicht nur bei der Bekämpfung von Aids. Das Bewusstsein in der Wirtschaft ist größer geworden, sich noch mehr einzusetzen. Aber das heißt nicht, dass wir mit dem Erreichten zufrieden sind, im Gegenteil.

Ist es fair, wenn die Unternehmen heute publikumswirksame Kampagnen gegen Aids unterstützen, aber das Thema Gerechtigkeit im Welthandel tunlichst nicht laut ansprechen?

Ich bin überzeugt, dass liberaler Welthandel gerade zu Gunsten von Entwicklungsländern mit ihren Produkten eine absolute Notwendigkeit ist.

Daran zweifeln die Globalisierungskritiker nachhaltig. Können Unternehmen überhaupt gute Partner sein?

Wettbewerb und Partnerschaft schließen sich nicht aus. Wir stehen mit anderen Unternehmen in fairem Wettbewerb. Das hindert uns nicht daran, in anderen Fragen gemeinsam zu handeln. Wenn es darum geht, dass wir Krankheiten oder politische Spannungen bekämpfen, arbeiten wir partnerschaftlich zusammen. Mit Wettbewerbern, mit Regierungen und mit Nichtregierungsorganisationen.

Wenn ein Unternehmen ein guter Bürger seines Landes sein will, wie sieht das aus?

Es ist zuallererst wirtschaftlich erfolgreich und schafft damit die Grundlage, Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen und sich im gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich aktiv zu engagieren.

Sind Sie ein guter Bürger dieses Landes?

Ich bin ein Europäer in Deutschland und in der Deutschen Bank. Beides verpflichtet. Deshalb freue ich mich, in Deutschland erfolgreich zu sein. Wir haben eine global sehr erfolgreiche Bank aus Deutschland und Europa heraus aufgebaut. Unsere solide Heimatbasis ist dabei eine besondere Stärke, daher bauen wir diese auch konsequent aus.

Das Gespräch führte Ursula Weidenfeld. Das Foto machte Anne Hoffmann

DER BANKER

hat in den vergangenen beiden Jahren die Deutsche Bank auf Erfolg getrimmt. 15000 Mitarbeiter mussten gehen, Unternehmensteile wurden verkauft. Heute macht die Bank wieder Gewinn - und ist auf Partnersuche.

DER AUFSICHSTRAT

hat im Augenblick viel Ärger. Weil er als Aufsichtsrat von Mannesmann nach der Übernahme des Unternehmens Millionanabfindungen an die früheren Manager zugestimmt hat, steht der vor Gericht.

DER WELTBÜRGER

Josef Ackermann ist in der Schweiz geboren, hat den größten Teil seines Berufslebens in den USA und England verbracht. Der 56-Jährige ist mit einer Finnin verheiratet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben