WIRTSCHAFT : WIRTSCHAFT

Groß und blond ist er – natürlich. „Deutsche Ingenieurskunst“, sagt der Schauspieler, in übertrieben betontem Deutsch, und steigt ins Auto, „deutsche Qualität, deutsche Zuverlässigkeit...“, so geht der Werbespot immer weiter, bis eine französische Stimme aus dem Off zusammenfasst: „Man muss nicht deutsch sprechen, um zu verstehen, dass dieser Opel ein echtes deutsches Auto ist.“ Wenig später konterte Renault den nur in Frankreich ausgestrahlten Spot mit einer Persiflage: Im gleichen Dekor spricht ein Franzose, klein und brünett, mit starkem Akzent eine Mischung aus Deutsch und Französisch. „Renault, Qualität auf die französische Art.“

Den Kampf um den unterhaltsameren Werbespot gewinnen ganz klar die Franzosen – beim Verkauf der Autos haben sie allerdings keine Chance. Der international gute Ruf deutscher Produkte ist nur ein Grund dafür, warum das einst ungeliebte Nachbarland östlich des Rheins immer mehr zum Vorbild für Frankreich herhalten muss. Präsident Nicolas Sarkozy schwärmt seit Monaten von der deutschen Wirtschaft, die auch in der Krise nicht an Kraft verloren habe. Von Deutschland lernen, heißt siegen lernen, wollte er sagen. Die Franzosen wollten es nicht hören, Sarkozys Umfragewerte blieben schlecht.

„Es ist ein Trugschluss, dass man das deutsche System einfach kopieren kann“, sagt Jörn Bousselmi, Geschäftsführer der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer in Paris. „Frankreich hat durch seinen Zentralismus ganz andere Voraussetzungen, sowie eine andere Unternehmens- und Entscheidungskultur.“ Seit Jahrzehnten setzt Frankreich auf große Staatskonzerne, der Mittelstand ist verkümmert. Die Industrie befindet sich im Niedergang und trägt heute nur noch 14 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei – im Gegenzug wächst der Dienstleistungsbereich, in dem inzwischen 75 Prozent der Franzosen arbeiten. Ein Fünftel der Arbeitnehmer sind Beamte. „In Frankreich wird die Herausforderung in den nächsten Jahren besonders groß, da die industrielle Basis teilweise verloren gegangen ist“, sagt Jörn Bousselmi. Der Arbeitsmarkt zeigte sich vor allem in Krisenzeiten als zu unflexibel. Die Arbeitslosigkeit stieg im Winter auf über zehn Prozent. Mit großem Neid schauen die Franzosen auf das deutsche Modell der Kurzarbeit.

Nicht nur der Mangel an Industrie, auch das Fehlen eines Ausbildungssystems im Stil der deutschen Lehre erschweren den Berufseinstieg: 22 Prozent der Jugendlichen finden derzeit keinen Job. Die jungen Migrantenkinder in den Vorstädten sind weitgehend ausgeschlossen vom Arbeitsmarkt. Sie reden voller Hass von Sarkozy, der schon als Innenminister die Banlieue mit dem Kärcher säubern wollte. Kein Wunder, dass Frankreichs Jugend die pessimistischste Europas ist. Da das Land traditionell stark auf die Inlandsnachfrage setzt und weniger auf Export, werde die Jugendarbeitslosigkeit in Zukunft zwangsläufig zum Problem, sagt Jörn Bousselmi. „Es besteht die Gefahr, dass eine ganze Generation quasi vom Konsum abgeschnitten wird.“

Es fehlt an Ideen für denWeg aus der Krise – wegen der kleinen, aber starken Gewerkschaften sind Reformen schwierig durchzusetzen. Sarkozy, der vor fünf Jahren angekündigt hatte, das Land umzukrempeln, hat wenig erreicht. Der Rechnungshof forderte, in den nächsten fünf Jahren 100 Milliarden Euro zu sparen. Von Sarkozy, der die Staatsverschuldung während seiner Amtszeit um fast ein Drittel steigerte, ist das nicht zu erwarten. Und sein sozialistischer Gegenkandidat François Hollande hat nicht vor, die Ausgaben zu senken, er will lieber die Einnahmen erhöhen.

Alles schlecht in Frankreich? Mais non! Der Käse! Der Rotwein! So wie Deutschland weltweit berühmt für seine Autos ist, exportiert Frankreich das „savoir-vivre“. Der Weinexport ist 2011 um zehn Prozent gestiegen und brachte mehr als elf Milliarden Euro ein. Französische Luxusgüter haben weltweit einen ausgezeichneten Ruf. „Als Imageträger sind diese Dinge ganz wichtig“, sagt Jörn Bousselmi. Die stark subventionierte Landwirtschaft ist noch immer ein wichtiger Beschäftigungsbereich. Und die Wahl, sagt man, wird letztlich auf dem Land entschieden.

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