Politik : Wo, bitte, geht’s zum Sieg?

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Ja, sie hat die Wahl gewonnen. Sie hat mehr Stimmen als die anderen bekommen. Sie hat die stärkste Zahl an Abgeordneten hinter sich: die Union.

Aber ja, sie hat die Wahl verloren. Sie ist angetreten für SchwarzGelb, doch das wird nun nicht die Farbe der Koalition. Sie hat sich zur Wahl gestellt mit ihrem Programm, ihrem Wahlkampf, ihrer Art, und hat dafür 35,2 Prozent erhalten: Angela Merkel.

Die Prognosen waren anders. Was zählen schon Prognosen, nur das Ergebnis zählt, nicht wahr? Das ist so wie das, mit dem Helmut Kohl abgewählt wurde. Damit soll Angela Merkel anfangen, finden die Unionsgranden.

Daran soll man nichts finden? Man darf es durchaus diskutieren, während man über Gerhard Schröders Verhalten nicht mehr lange diskutieren muss. Seine Machomanieren sind im Ernst nicht tolerabel. Aber hier geht es nicht um einen Amtsinhaber, der das Amt bald abgeben muss. Wohlgemerkt: Er muss. Und er weiß es. Hier geht es um eine Amtsanwärterin, die das Kanzleramt übernehmen will. Die es ausfüllen muss. Kann sie das – diese Frage darf man stellen. Jetzt. Noch einmal. Nach dem Endergebnis.

Man muss sie vor allen der Union stellen, den zwei Parteien, die das C für Christlich im Namen tragen. Was gilt das C in einer Regierung mit Unionsführung unter Merkel? Diese Frage stellt sich doch die CDU ebenso, angesichts des sie schockierenden Wahlergebnisses. Sie tut es inzwischen offenkundig.

Öffentlich war das: die Feier zum Tag der Deutschen Einheit. Ein Festtag, der auch begangen wird mit einem Festgottesdienst. Merkel, die ostdeutsche Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, erscheint nicht zum Gottesdienst im benachbarten Potsdam. Es sagt so viel zum Wert des C. Und Schröder, der reist aus Hannover an, bleibt im Nebel stecken und kommt erst, als Bischof Hubers Passage vom Dienen vorüber ist. Das passt.

Nach Dresden ist das größte Ziel der Union Schröders Abschied vom Kanzleramt. Der ist keine Frage mehr, nur noch eine der Zeit. Aber er wird – mit Schröders erklärtem Willen – als Variable eingesetzt. Hier wird zur Strategie verklärt, was vorher keine war, höchstens männliches Imponiergehabe. Es geht gegen Merkel, aber nicht, weil sie eine Frau ist. Auch nicht, weil keine Frau an die Spitze der Regierung treten dürfte. Es geht um diese Frau und wofür sie steht. Oder nicht steht.

Darum geht es der SPD: Sie glaubt, ihrem S für Sozialdemokratisch mehr schuldig zu sein als einen Vizekanzler ohne richtungweisende Macht. Als einen Bundesvizekanzler Schröder. Deshalb interpretiert sie das Ergebnis der Nachwahl in Dresden anders: Die Zweitstimme, die für die Partei, ist für sie Schröderstimme.

Angela Merkel ist wirtschaftsliberal, nicht konservativ. Die SPD hat gegen sie Wahlkampf gemacht, als Maggie Merkel, als Angie Thatcher, hat mit ihr einen Mangel an sozialer Politik verbunden – und Erfolg damit. Inzwischen bekommt die SPD Recht aus den Reihen der Union, wenn man die Herren Beckstein und Laumann, Rüttgers und Stoiber hört. Die im Dunkeln hört man auch, sie wollen nur nicht gesehen werden. Aber alle rufen nach Männern, die Merkel ins Abseits manövriert hat, zum Beispiel nach Seehofer fürs Soziale.

Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Das ist einmal wichtig für die Union, besonders für die CDU als stärkere der beiden C-Parteien. Es geht um ihre Wahrnehmung als die Union von Protestanten und Katholiken zum Aufbau und zur Erhaltung einer demokratischen Republik, und dabei als Hort christlich fundierter, sozial gesinnter Politik. Das ist Tradition, ist identitätsstiftend, ist es immer gewesen. Helmut Kohl war auch deshalb gegen Maggie Thatcher, gegen solche Tory-Politik.

Überragend wichtig ist aber, in dieser Phase – die Merkel als dramatisch beschrieben hat –, die Stärksten zu sammeln. Bei denen die Menschen sich gut aufgehoben fühlen. Damit sie gemeinsam Erfolg haben fürs Land und, in Gottes Namen, für ihre Parteien. Dafür muss man allerdings Stärke haben: die, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Das wäre ihr Sieg. Nicht nur ihrer.

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