Politik : Wohin die Tories auch blicken - Tony Blair ist immer schon da

Albrecht Meier

Wo da Zwietracht ist, möge Harmonie einkehren; wo der Irrtum herrscht, lasst Wahrheit sein; wo Verzweiflung ist, wollen wir Hoffnung bringen." Die Worte stammen angeblich von Franz von Assisi. Als Margaret Thatcher den Heiligen, der den Vögeln predigte und in Armut lebte, bei ihrem Amtsantritt im Jahr 1979 zitierte und zum ideologischen Gewährsmann machte, ahnten wahrscheinlich die wenigsten Briten, dass die Eiserne Lady in der Downing Street fortan mit heiligem Eifer zu Werke gehen würde.

Was folgte, war die "Thatcher Revolution" - ein zu diesem Zeitpunkt längst überfälliges Modernisierungsprojekt, über dessen industriepolitische Segnungen sich debattieren lässt. Fest steht aber, dass seit den Zeiten der Eisernen Lady nirgendwo in Europa die marktwirtschaftliche Deregulierung so weit vorangetrieben wurde wie in Großbritannien.

Tony Blair hat an diesem Zustand nichts geändert - und auch nichts an dem Lehrsatz, dass erfolgreiche Politiker in der kalten Welt des Marktes ihren Wählern auch ein bisschen wärmendes spirituelles Rüstzeug mitgeben müssen. Als er im Mai 1997 - also ganze 18 Jahre nach dem ersten Auftritt der Eisernen Lady auf der Stufen des berühmten Hauses in der Downing Street - sein Amt als Premierminister antrat, zitierte Blair zwar nicht Franz von Assisi. Aber schon während des Wahlkampfes hatte er die Briten wissen lassen, dass seine christlichen Überzeugungen den Beweggrund für seinen Beitritt zur Labour Partei und seinen Kampf gegen den "Eigennutz" der Konservativen geliefert hätten.

Der Rest ist bekannt: Dem Erfolgsrezept von Clintons "New Democrats" in den USA folgend, stahl Blair mit "New Labour" den Konservativen ganze Wählerschichten in der bürgerlichen Mitte und verdammte die Tories fortan zu einem jämmerlichen Dasein als englische Rumpfpartei. Es sieht nicht danach aus, als ob der gegenwärtige Parteichef der Tories, William Hague, rechtzeitig vor den nächsten Wahlen daran etwas ändern kann.

Wie tief die Krise der Konservativen in Großbritannien geht, lässt sich am unverändert hohen Zustimmungswert für "New Labour" ablesen: Er liegt nach Meinungsumfragen immer noch bei über 50 Prozent. Die Briten haben bei den letzten Unterhauswahlen im Mai 1997 mehr abgewählt als eine verbrauchte Regierung, die obendrein dauernd in Affären verwickelt war. Das englische Wort für Filz heißt sleaze, und davon hatten die Tories unter Thatcher und ihrem Nachfolger John Major jede Menge zu bieten. Was den britischen Konservativen heute fehlt, ist ein glaubwürdiges Projekt. Statt den Tories noch Glauben zu schenken, folgen die Briten lieber Blairs "Drittem Weg" zwischen Globalisierung und sozialer Absicherung.

Sie verzeihen dem Premierminister dabei sogar die eine oder andere unsaubere Parteifinanzierung. Ein halbes Jahr nach der Wahl des britischen Regierungschefs kam ans Tageslicht, dass Formel-Eins-Chef Bernie Ecclestone den Wahlkampf von "New Labour" mit einer Million Pfund unterstützt hatte. Die britische Presse hielt sich in ihrer Kritik an Blair damals zurück - und setzt inzwischen auf eine zweite Regierungsperiode des Amtsinhabers in No. 10.

Es ist schon paradox, dass der Konservatismus in einem Land, das nie revolutionäre Exzesse gekannt hat und dessen Bewohner bis heute die Illusion von der heilen Welt des weekend in the coutryside an jedem Wochenende millionenfach aufrecht erhalten, bis auf weiteres keine Chance mehr haben dürfte.

Aber zu einem Zeitpunkt, als der konservative Thatcher-Nachfolger John Major noch das Hohelied auf ur-britische Institutionen wie Cricket, warmes Bier und Kirchsonntage sang, hatten die Briten längst ganz pragmatisch erkannt, dass draußen in der wahren Welt inzwischen ganz andere Fragen entscheidend sind: Wer garantiert mir Sicherheit in einer Zeit des rasanten technologischen Wandels? Wie steht es um den sozialen Zusammenhalt, wenn der Markt den Individualismus predigt? Blair hat diese Ängste der breiten Mittelschichten aufgenommen. Sicher, er hat zwar dort geerntet, wo Thatcher gesät hat. Aber er hat nie den Marktradikalismus der Tories vertreten.

In dieser Situation bleibt den britischen Konservativen nur noch die Trumpfkarte einer anti-europäischen Politik. Doch Blair ist klug genug, sie den Tories nicht in die Hände zu spielen. Wie sich die britische Regierung zum Euro verhält, wird sich erst nach der nächsten Wahl entscheiden - und von der Höhe eines Labour-Wahlsieges abhängen. Während Blair taktiert, suchen die Konservativen ihr Heil in der Radikalität. Die Währungsunion lehnen die Tories ebenso ab wie jede weitere europäische Integration. Zwangsläufig erscheint den britischen Konservativen der Nationalstaat als feste Burg.

Einen diffusen "britischen Weg" hat Parteichef William Hague einst Blairs "Drittem Weg" entgegenzusetzen versucht - ohne große Resonanz in der Öffentlichkeit. Den Konservativen droht indes ein weiteres Abdriften in die politische Bedeutungslosigkeit. Von Hagues "britischem Weg" ist es nicht weit zu einem puren englischen Nationalismus, der sich nicht nur gegen das Ausland richtet, sondern auch gegen Schotten und Waliser.Aus der Serie "Die Krise der Konservativen" (Teil 3).

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