Wolfgang Huber : Mahner, Reformer, Intellektueller

Alt-Bischof Wolfgang Huber wird heute 70 Jahre alt. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland mischt sich weiter in die politischen Debatten ein.

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Wolfgang Huber
Wolfgang HuberFoto: dpa

Evangelische Bischöfe müssen in Deutschland mit 65 in den Ruhestand treten, ob sie wollen oder nicht. Wolfgang Huber ist ein gutes Beispiel dafür, wie unsinnig diese Regelung ist. Am Sonntag wird er 70 Jahre alt, und wer ihm begegnet, trifft auf einen gut gelaunten, braun gebrannten, ebenso interessierten wie versierten Intellektuellen.

Im Februar hatte es für ein paar Tage so ausgesehen, als würde Huber Bundespräsident werden. Es wäre die Krönung eines Lebens gewesen, in dem Protestantismus und Politik, Theologie und gesellschaftliches Engagement von Anfang an verflochten waren. Der junge Professor entwarf seine Friedens- und Sozialethik, damals ahnten nur Eingeweihte, dass Sozialhilfe etwas mit Theologie zu tun hat. Als Bischof von Berlin besuchte Huber Jobcenter und warnte vor der zunehmenden sozialen Kluft. Als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mischte er sich in politische Debatten ein und versuchte, jenen eine Stimme zu geben, die in der kapitalistischen, auf Nützlichkeit getrimmten Welt nicht mithalten können. Huber wurde zum vielleicht wichtigsten Mahner in der Bundesrepublik. Manche irritierte das, so viel Selbstbewusstsein war man von der Kirche nicht gewohnt, schon gar nicht von der evangelischen.

Aufgewachsen in einer renommierten, dem NS-Staat anfangs nahestehenden Juristenfamilie, brachte Huber viel Selbstbewusstsein mit. Er scheute sich nicht, seiner Kirche schonungslos vorzuhalten, wie selbstgefällig und mutlos sie geworden sei. Mit radikalen Vorschlägen stieß er das größte Reformprojekt an, das der Protestantismus in Deutschland in Jahrzehnten in Angriff genommen hat. Etliches davon war übertrieben, manches blieb auf der Strecke, bisweilen verkämpfte sich Huber auch – ob die Kampagne „Pro Reli“ um den Religionsunterricht an den Berliner Schulen der Kirche genutzt oder geschadet hat, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Seitdem er ohne offizielles Amt ist, forscht und schreibt er, lehrt Theologie an der Berliner Humboldt-Universität und in Heidelberg und reist durch die Republik, um Manager für ethische Fragen zu sensibilisieren. Auch ist er Mitglied im Deutschen Ethikrat. Mancher merkt es jetzt, was die Kirche an dem stets korrekten, geradlinigen Mann hatte, der keinem Konflikt aus dem Weg ging.

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