• Zahl der Kriegsdienstverweigerer in Deutschland ist auf Rekordhöhe, für viele ist der Wehrdienst ein Risiko

Politik : Zahl der Kriegsdienstverweigerer in Deutschland ist auf Rekordhöhe, für viele ist der Wehrdienst ein Risiko

Matthias Meisner

Boomt die Branche? Die Statistiker verbreiten Rekordzahlen, wenn es um Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst geht. Mit exakt 171 657 jungen Männern haben 1998 so viele wie nie zuvor den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt. Auch die Zahl der "Zivis" ist auf Rekordniveau: Derzeit leisten rund 154 000 junge Männer Ersatzdienst - mehr als zwei Drittel von ihnen in sozialen Einrichtungen etwa der Alten-, Behinderten- und Krankenpflege. Saisonbedingt ist die Zahl im Sommer besonders hoch.

Wer weniger belastbar oder teilweise körperlich beeinträchtigt ist, kann in der Verwaltung oder im kaufmännischen Bereich eingesetzt werden - derzeit sind das aber nur etwa 1200 Zivildienstleistende. Wichtigere Einsatzfelder sind dagegen der Umweltschutz, die Landwirtschaft und der Versorgungsbereich. Etwa jeder zehnte Zivildienstleistende ist schließlich im Handwerksbereich beschäftigt, um unter anderem Hausmeisterarbeiten zu verrichten.

Von einem "bunten Strauß individueller Motive" sprach ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, als er im Januar die Rekordzahl der Kriegsdienstverweigerer bekanntgab. Die Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner interpretierte eindeutiger: Aus ihrer Sicht verweigern immer mehr junge Männer, weil sie Angst haben, mit der Bundeswehr zu Auslansdseinsätzen in Krisengebiete geschickt zu werden. Angelika Beer, Verteidigungsexpertin der Bündnisgrünen: Zum ersten Mal seit Bestehen der Bundeswehr sei der Wehrdienst mit persönlichen Risiken verbunden.

Bisher reichten die Zivildienstplätze noch immer aus, mehrere Zehntausend sind im Moment sogar unbesetzt: Nach Einschätzung der Caritas kann sich das aber schnell ändern, wenn Stellen gestrichen und zugleich der Dienst durch die geplante Verkürzung von 13 auf elf Monate attraktiver wird.

Im Jahresdurchschnitt leisten derzeit rund 138 000 Männer Zivildienst, etwa 29 000 von ihnen in den neuen Bundesländern. Die jetzt von Familienministerin Christine Bergmann (SPD) geplante Reduzierung der Zahl der Zivildienstleistenden auf 124 000 im kommenden Jahr soll nach Angaben der Ministerin vor allem die Grünpflege, das Handwerk und den Bürodienst betreffen. Die sozialen Dienste sollen bei den Kürzungen ausgenommen bleiben. Bis zum Jahr 2003 soll die Zahl der Zivildienstleistenden im Jahresdurchschnitt dann weiter auf etwa 110 000 abgebaut werden. 340 Männer hatten den ersten "zivilen Ersatzdienst" in der alten Bundesrepublik 1961 angetreten, die Zahl stieg seitdem kontinuierlich. Für die Wohlfahrtsorganisationen sind die jungen Männer vor allem günstige Arbeitskräfte: Inklusive der Zuschläge verdient ein "Zivi" höchstens 1 000 Mark pro Monat. Der Grundsold liegt zwischen 450 und 500 Mark pro Monat, hinzu kommen ein Verpflegungszuschuss von 11,70 Mark täglich sowie Kleidungsgeld und ein Mobilitätszuschlag. Der Bund bezahlt bisher 75 Prozent des "Soldanteils" an der Lohnsumme, beteiligt sich an Zuschlägen und übernimmt das Entlassungsgeld in Höhe von 1 500 Mark. Das jetzt von Bergmann verkündete Sparprogramm sieht auch vor, die Arbeitgeber an diesen Kosten stärker zu beteiligen.

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