ZDF-Korrespondentin Karin Storch : "Israel hat sich unklug verhalten"

Karin Storch, Korrespondentin des ZDF, konnte nach wochenlanger Medien-Blockade erstmals wieder im Gaza-Streifen drehen. Ein Gespräch über Arbeitsbedingungen, das Bilder-Monopol der Palästinenser und die geringen Erfolge der israelischen Armee

Von Joachim HuberFrau Storch, Sie waren unter den ersten Journalisten, die nach dem Krieg zwischen der Hamas und Israel in Gaza drehen durften. Besonders gute Kontakte oder pures Losglück?



Pures Losglück. Jedenfalls wurde die Auswahl der Journalisten, die nach Gaza durften, "unter notarieller Aufsicht" getroffen.

Konnten Sie sich frei bewegen oder wurden Sie "betreut"?

Vom Augenblick an, in dem ich meinen israelischen Stempel im Pass und alle Taschen durch die Drehgitter am Grenzübergang gequetscht hatte, war ich frei zu tun, was ich wollte. Der Hamas-Mensch auf der palästinensischen Seite fragte auch nicht weiter nach meinen Plänen. Ich bin dann mit meinem palästinensischen Kamerateam einmal von Nord nach Süd durch den Gaza-Streifen gefahren, von Erez nach Rafah an die ägyptische Grenze. Überall, wo es mir interessant erschien, haben wir angehalten und gedreht. Auffällig häufig war dann gleich jemand von Hamas zur Stelle. Aber behindert wurden wir nicht.

Was genau waren die Bedingungen, auf die Sie sich einlassen mussten, um überhaupt berichten zu dürfen?

Ich durfte nur alleine einreisen, ohne unseren deutschen Kameramann. Eigentlich hätte ich alles Drehmaterial allen Kollegen zur Verfügung stellen müssen, aber die Pool-Idee war am Tag zuvor geplatzt, weil die israelische Regierung auch einigen bevorzugten Journalisten die Reise nach Gaza erlaubte, die nicht im Losverfahren gezogen worden waren.

Was hatten Sie erwartet zu sehen, was haben Sie gesehen?

Großflächigere Zerstörungen hatte ich erwartet. Die israelischen Streitkräfte haben höchst gezielt Polizeistationen und Moscheen angegriffen. Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass Hamas schon wieder so präsent ist. Geschmuggelt wird auch noch in Rafah.

Während der kriegerischen Auseinandersetzungen war der Gaza-Streifen für die internationalen Medien komplett gesperrt. Die israelische Armee ließ niemanden hinein, die Palästinenser hatten das Bilder-Monopol. War das "no go" der Israelis klug?

Ich denke, Israel hat sich unklug verhalten mit dem "no go". Die palästinensischen Kameraleute haben Verletzte, Verstümmelte, Sterbende in einer Weise gedreht, wie es ausländische Kollegen wohl nicht getan hätten. Man konnte die schlimmsten Bilder nur noch "schneiden". Auch die Zahlen konnten nicht hinterfragt werden oder die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern. Schließlich war Hamas fast vier Wochen lang "unsichtbar", d.h. wir hatten keine Bilder von Hamas-Kämpfern, haben nie eine Abschussrampe im Wohngebiet gesehen.

Von Ihren zurückliegenden und Ihren aktuellen Erfahrungen her betrachtet: War der Krieg der Bilder auch ein Krieg der Lügen?

Meines Wissens wurden in diesem Krieg keine Rauchwolken eingefärbt, wie damals im zweiten Libanon-Krieg 2006, als ein freier Mitarbeiter einer großen Fotoagentur in einem Foto die sowieso beeindruckenden Rauchwolken nach israelischen Angriffen über Beirut noch dunkler und damit bedrohlicher gemacht hatte. Wir haben Szenen, die uns zweifelhaft erschienen, gar nicht erst in unsere Beiträge eingeschnitten. Und wenn mir eine Palästinenserin im Gaza-Streifen erzählt, israelische Soldaten hätten ihrem Schwiegersohn den Kopf abgeschlagen, dann breche ich das Interview ab. - Natürlich heißt es, die Wahrheit ist das erste Opfer im Krieg. Aber Israel würde sofort Fälle der Verfälschung aufgreifen, wenn es sie denn gäbe.

Nach Meinung der ZDF-Nahostexpertin Karin Storch: Was hat Israel erreicht?

Nach meinen jüngsten Eindrücken: zu wenig. Hamas ist nach wie vor an der Macht, die Palästinenser im Gaza-Streifen geben Israel und nicht Hamas die Schuld an der Zerstörung, die Schmuggelwege sind noch nicht unterbunden.

Glauben Sie, dass der neue US-Präsident Barack Obama mehr erreichen kann als sein Vorgänger George W. Bush?

Ich hoffe es. Der Ausgangspunkt ist gut: eine starke Außenministerin wie Hillary Clinton, mit George Mitchell ein kenntnisreicher US-Nahostbeauftragter, bald eine neue Regierung in Israel.

Das Interview führte Joachim Huber.

Karin Storch, 61, ist Leiterin des ZDF-Studios Tel Aviv. In gleicher Funktion hat sie zuvor in Rom gearbeitet. Weitere Korrespondenten-Stationen waren Brüssel, New, Washington.

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