Politik : Zeitgeschichte: Die schwarzen Jahre der Grande Nation

Ralf Balke

Eine neue Studie über die deutsche Besatzungspolitik in Frankreich. "Années Noires", zu deutsch "Schwarze Jahre", bezeichnet man in Frankreich die Zeit der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944. Und sowohl östlich wie auch westlich des Rheins ranken sich um diese Jahre zahlreiche Mythen und Legenden. Während in Frankreich der Kampf der Résistance als Balsam für die durch die Niederlage von 1940 verletzte Volksseele herhalten musste, so sorgte die Historiographie im Nachkriegsdeutschland lange dafür, dass die deutsche Okkupation Frankreichs weitgehend als eine "korrekte" Besatzungsherrschaft durchging.

Gewiss, so räumt der Autor ein, die deutschen Besatzer initiierten nicht wie in Osteuropa eine Orgie der Vernichtung und Vertreibung, doch sollte man keinesfalls die Augen vor einer sich über die Jahre hinweg radikalisierenden Besatzungspolitik verschließen. Genau deshalb nimmt Meyer das Räderwerk der Kollaboration und die Richtlinien der deutschen Okkupationspolitik näher unter die Lupe. Mit einem Minimum an personellem Aufwand sollte Frankreich im Rahmen einer "völkischen Großraumordnung" kontrolliert und seine industriellen Ressourcen in die deutschen Kriegsanstrengungen eingebunden werden. "Aufsichtsverwaltung" lautete das Konzept, ein harmlos klingender Begriff, den Werner Best, Kriegsverwaltungschef und Stellvertreter Heydrichs, ins Spiel brachte. Und doch beinhaltete es Maßnahmen, die zur "Endlösung der Judenfrage" führten. Juden, die keine französische Staatsbürgerschaft besaßen oder diese erst kurz zuvor erhalten hatten, sollten deportiert werden. Aus dieser Gruppe rekrutierten sich auch die ersten Widerständler, die Anschläge auf deutsches Personal verübten. Die Folge: Massenhinrichtungen von Geiseln, die die deutsche Verwaltung und selbst die deutsche Nachkriegsliteratur euphemistisch als "Vorbeugungs- und Sühnemaßnahmen" etikettierte.

Dem Vichy-Regime und den Polizeikräften bescheinigt Meyer einen vorauseilenden Gehorsam. Die deutschen Besatzer konnten sich auf die grassierende Fremdenfeindlichkeit der französischen Behörden verlassen, wenn es darum ging, nichtfranzösische Juden zu verhaften, um sie anschließend nach Auschwitz zu deportieren.

Und die Résistance? Ein Blick auf die zahlreichen, zu Ehren der Gefallenen der Widerstandsbewegung errichteten Gedenktafeln reicht oft aus, um zu erkennen, wer letztendlich gegen die deutsche Okkupationspolitik kämpfte. Es finden sich überdurchschnittlich viele Namen, die gar nicht französisch klingen. Diese hatten unter der deutschen Besatzung am meisten zu verlieren, nämlich ihr Leben.

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