Politik : Zerrissen vor Trauer

Präsident Roh spricht über die Gefühle der Koreaner nach dem Geiselmord – und schickt neue Truppen

Harald Maass[Peking]

In seiner Straße in Pusan hängt noch das Banner. „Südkoreaner haben nie eine Kugel auf Iraker gefeuert. Bitte schickt Kim Sun Il lebend nach Hause!“ Die Nachbarn der Familie Kim, die in Südkoreas zweitgrößter Stadt in einem einfachen Wohnhaus lebt, hatten es aufgehängt. Bis zum Dienstag hatten die Südkoreaner die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der 33 Jahre alte Übersetzer, der sich im Irak Geld für einen Aufbaustudiengang verdienen wollte, noch lebend nach Hause kommen würde. Immer wieder hatte das Fernsehen die Videobilder gezeigt, auf denen Kim vor den Entführern kniete und um sein Leben bettelte. Am Dienstagnachmittag waren in Seoul hunderte Menschen auf die Straße gegangen, um gegen eine Aufstockung der südkoreanischen Truppen im Irak zu demonstrieren.

Doch das Hoffen war vergeblich. Am Dienstagabend berichtete die Regierung in Seoul, dass US-Soldaten Kims Leiche westlich von Bagdad gefunden hätten. Fünf Tage nach seiner Verschleppung in Falludscha hatten die Entführer ihre Geisel enthauptet. Die Nachricht versetzte Südkorea in einen Schock. In Pusan rissen die Menschen Plakate von den Wänden, auf denen sie Kims Freilassung gefordert hatten. In Seoul musste die Polizei die Hannam-dong-Moschee abriegeln. Wütende Bürger hätten mit Anschlägen gegen Moslems gedroht, berichtet die „Korea Times“.

Präsident Roh Moo Hyun sprach am Mittwochmorgen im Fernsehen zu den Südkoreanern. „Wir denken an sein verzweifeltes Flehen um sein Leben. Unsere Herzen sind zerrissen vor Trauer“, sagte Roh. Um Kim Sun Ils Würde zu schützen, hat Seouls Regierung Fernsehsendern und Internetanbietern verboten, Bilder von der Enthauptung zu zeigen.

Gleichzeitig kündigte Roh an, an der Entsendung der 3000 zusätzlichen Soldaten in den Irak festhalten zu wollen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sie ihre Ziele durch Terrorismus erreichen.“ Die Entführer hatten von Seoul verlangt, die Aufstockung der bisher 670 südkoreanischen Soldaten im Irak zu stoppen.

Möglicherweise haben die Entführer mit der Ermordung Kims das Gegenteil ihrer Ziele erreicht. „Der Ärger im Volk überschattet die Anti-Kriegsbedenken“, zitiert die „Korean Times“ den Politikwissenschaftler Lee Sang Hyun vom Sejong Institut in Seoul. Der Konflikt im Irak, für die meisten Südkoreaner bisher in weiter Ferne, wird plötzlich als reale Bedrohung gesehen.

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