Zur Lage der Nation (3) : Gibt es eine neue Unheimlichkeit?

Seit der Weltfinanzkrise trauen die Bürger keiner Konjunktur mehr und nicht der Politik. Statt wohlbekannter Unübersichtlichkeit herrscht neue Unheimlichkeit.

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Statt gewohnter Unübersichtlichkeit unheimliche Leere.
Statt gewohnter Unübersichtlichkeit unheimliche Leere.Foto: Anikka Bauer

Al Quaida ist wie jeder fundamentalistische Terror eine moderne Pest. Man muss sie bekämpfen. Aber trotz aller aktuellen Besorgnisse sollte man nicht die wahren Dimensionen verkennen. Denn ungleich gefährlicher als die äußeren Feinde einer die Welt dominierenden west-östlichen Zivilisation sind ihre eigenen Widersprüche und Selbstzerstörungskräfte geworden. „Dieses Wirtschaftssystem wird nicht durch radikale Linke oder Rechte infrage gestellt, sondern durch die Protagonisten des Systems selber.“ Das hat Ende 2009 in Berlin vor deutschen Bankern Peer Steinbrück gesagt, der die Weltfinanzkrise als Bundesfinanzminister erlebte.

Inzwischen gibt es in Deutschland ein neues ökonomisches Wunder. Doch das wirklich Neue sind die politisch-psychologischen Folgen: Die Wirtschaft boomt, selbst die Arbeitslosenzahlen sinken seit Monaten, aber die regierenden Parteien und Politiker in Bund und Ländern profitieren in Stimmungsumfragen so gut wie gar nicht von diesem Aufschwung. Es scheint, als müsste man Bill Clintons berühmtes Diktum ins Gegenteil verkehren: It’s not the economy, stupid! Da ist ein Bruch passiert. Wann platzt die nächste Blase? In der aktuellen Skepsis steckt offenbar mehr als nur eine Momentaufnahme.

Mitten in Deutschland tut sich plötzlich die Erde auf, es entstehen Krater. Das passiert ganz wirklich, eben noch auf dem thüringischen Dorf, und davor ist das Archiv der Millionenstadt Köln in den Untergrund gestürzt. Als seien das Metaphern der Gegenwart. Wie der Tsunami, die Vulkanasche, wie Ground Zero, wie Kain und Babel. Die Menetekel häufen sich: der Klimawandel, der Ressourcenschwund, die ungelösten Energiefragen, die neuen asymmetrischen Kriege und eine neue asymmetrische Finanzwirtschaft, die als Bedrohung von Staaten und Völkern keine nationalen Grenzen und Gesetze kennt. Die alten Sicherungen lösen sich, und die vernetzten Systeme wirken verletzlicher denn je.

Vor 25 Jahren gab Jürgen Habermas einem Buch, das seinen Aufsatz über „Die Krise des Wohlfahrtsstaats und die Erschöpfung utopischer Energien“ enthielt, den viel zitierten Titel „Die neue Unübersichtlichkeit“. Das Stichwort aus jüngster Zeit könnte nun lauten: die neue Unheimlichkeit.

Zum Beispiel die massenhaften Proteste gegen das Großprojekt Stuttgart 21. Darin steckt wohl mehr als nur ein Aufstand gegen die Kosten und Komplexität schwer durchschaubarer Planungen. Es ist auch ein Aufstand der Wohlinformierten, der Gebildeten und Wissbegierigen, zuallererst gegen eine Bahn, die schon einfachen Frösten oder Sommertemperaturen um 32 Grad kaum mehr gewachsen erscheint. Aber indem die Leute die zuvor verdrängten oder gar verheimlichten Risiken im Untergrund benennen, rechnen sie auch ab mit einer Politik, der sie die eigene Stadt, den eigenen Lebensraum nicht mehr ohne Weiteres überlassen wollen. Nicht auf dem so dünn, auf dem unheimlich gewordenen Boden der angeblich unbezweifelbaren Aktenfakten. Und dabei argumentieren sie, trotz aller Leidenschaft, ziemlich logisch: geologisch, ökonomisch, ökologisch.

Mit der bis vor kurzem so gerne zitierten „Politikverdrossenheit“ hat dieser Fall offenbar nichts zu tun. Was nämlich die Legitimität der – im Prinzip kaum angezweifelten – Legalität des Stuttgarter Projekts in den Augen der protestierenden Bürger untergräbt, ist nicht nur die vermeintlich menschenferne „Arroganz der Macht“. Unter Verdacht stehen eher die Ignoranz und (sozial)staatliche Ohnmacht. Wie nichts zuvor hat die Weltfinanzkrise das bürgerliche Grundvertrauen in die Kraft der repräsentativen Demokratie erschüttert. Aber das wirklich Unheimliche ist, dass selbst besonnene Demokraten heute nicht mehr sicher sind, ob in Parlamenten und von gewählten Regierungen überhaupt noch über die wesentlichen Zukunftsfragen der Zivilisation entschieden wird – und entschieden werden kann.

Stuttgart, die Heimat von Daimler, Porsche und über 1500 mittelständischen Unternehmen, ist eine der reichsten Städte Deutschlands. Ausgerechnet dort begehrt ein Teil des Bürgertums auf. Diese jähe, zähe Vehemenz erklärt sich nicht mehr von selbst. Am Beispiel des lokalen Monsterprojekts treibt die Leute offenbar eine weiter reichende Ahnung um. Die Ahnung, dass Politik mit dem short time thinking in Wiederwahlperioden den fundamentalen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft nicht mehr gewachsen ist. Aus der Machtfrage wird so eine Ohnmachtsklage: Wallstreet hat mehr Einfluss als das Weiße Haus, der Klimawandel ist ohnehin übermächtig, die Merkel-Westerwelle-Regierung scheint der Atomindustrie und der Pharmalobby hoffnungslos unterlegen, noch kaufen die Chinesen zwar unsere Waren, aber morgen kaufen sie uns, wie sie gerade schon Afrika kaufen. Und so weiter.

Da braucht es keine linken Verschwörungstheorien mehr und auch keine apokalyptischen Sekten. Die Realität übertrifft heute jede Fiktion. Deswegen flieht die Fantasy im Kino und in der Literatur so gerne zurück ins magische Biedermeier oder in mittelalterliche Weltraumritterwelten. Dorthin, wo das Unheimliche noch ein bisschen heimelig wirkt.

In Wirklichkeit aber stehen die Zeichen der Zeit auf Zeitenwende. Das war in der Neuzeit schon drei Mal so: 1789, 1919, 1989. Nach der Französischen Revolution und der folgenden Reaktion drückte das der Dichter und Naturwissenschaftler Georg Büchner in der Vermutung aus, jeder Mensch und womöglich jede Pfütze sei ein Abgrund. Alles hohl. Kurt Pinthus gab seiner legendären, vor neunzig Jahren in Berlin erschienenen Sammlung expressionistischer Lyrik den durch Weltkrieg und Umbrüche geprägten (doppelsinnigen) Titel „Menschendämmerung“. Sie wurde eröffnet mit einem Gedicht des später von den Nazis ermordeten Lyrikers Jakob van Hoddis: „Weltende“. Dort heißt es „Der Sturm ist da“, und „an den Küsten steigt die Flut“. Zum Zeichen des Zeitgeists aber wurden die ersten beiden Verse des Poems: „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei.“

Heute meint das Wort Bürgerschreck etwas anderes als nur die bekannte Provokation wider die Bourgeoisie. Es geht vielmehr um das Erschrecken der Politik vor dem Bürger. Vor dem Biedermann (und der Biederfrau) als Brandstifter. Das nämlich ist das Zündende einer Zivilgesellschaft, die angesichts globaler Ohnmächte plötzlich vermehrt lokale Machtfragen stellt. In Stuttgart, in Hamburg in der Schulpolitik, in Berlin bei Flugschneisen oder Autobahnen. Darum erlebt die Republik in den politischen Umfragen gerade ihr grünes Wunder.

Die Frage bleibt allerdings, inwieweit sich der neu gewachsene Affekt gegen die parteipolitische Repräsentation mit einer parlamentarischen Partei und möglicher Regierungsverantwortung verträgt. Und nicht jeder im Einzelfall aufbegehrende Bürger vertraut angesichts globaler Herausforderungen a priori der kollektiven Vernunft jedweder Bürgerbegehren oder Volksentscheide. Hysterie und Demagogie sind ja Zwillinge, so hat sie Elias Canetti in „Masse und Macht“ beschrieben.

Außerdem, das ist schon richtig, klagen die Deutschen auf hohem Niveau. Je höher das Niveau, desto leichter verliert man die Bodenhaftung. Aber man hat auch den besseren Überblick. Darum könnte das neu geweckte bürgerliche Selbstbewusstsein Folgen haben. In ihm steckt ein lange verschütteter Rest der res publica, der öffentlichen Sache. Es geht, wie beim Klimaschutz, den Weltfinanzen oder der Atompolitik, um Sachen, die keine aktuelle Konjunktur betreffen. Sondern unsere bald unumkehrbare Zukunft. Das Unheimliche für den auf Expansion ausgerichteten Pionier der Moderne ist dabei der Zweifel am eigenen Progress. Angesichts eines längst eroberten und ausgeplünderten Planeten bleibt bald kein Wachstum mehr. Nur Wahrung. So wird mancher Konservative von heute zum Revolutionär von morgen.

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