Politik : Zurück in die Zukunft

Von Richard Schröder

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In der Inflation des Gedenkens an das Kriegsende und die Nazizeit, mit dem uns sämtliche Fernsehkanäle in den letzten Wochen überschüttet haben, ist fast untergegangen, dass es auch noch Zukunftsfragen gibt. Eine stand am Donnerstag im Bundestag zur Abstimmung: die Verfassung der Europäischen Union.

Dass jene Vergangenheit uns zum 60. Gedenktag intensiver beschäftigt hat als zum halben Jahrhundert 1995, ist verwunderlich, und ich kann es mir auch nicht ganz erklären. Vielleicht liegt es daran, dass die verschiedenen Erinnerungen nicht mehr spalten. Es ist gut, wenn nicht mehr aufgerechnet wird. Und es ist gut, wenn wir unsere Erinnerungen nicht wechselseitig zensieren. Trotzdem ist mir nicht recht wohl bei dieser Erinnerungsflut. Wir sitzen da vor dem Fernseher wie alte Männer auf einer Bank, die in Erinnerungen kramen, weil sie mehr Vergangenheit als Zukunft haben. Und wir pauken uns gegenseitig den Imperativ ein, das alles dürfe „nie wieder“ geschehen. Darf es auch nicht. Aber droht uns denn dergleichen tatsächlich? In diesem permanent beschworenen „nie wieder“ erkenne ich eine Angst vor einer Wiederkehr jenes Unheils, die ich nicht teile. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, hatte seinerzeit Brecht gesagt. Dem widerspreche ich energisch – für Europa. Ich weiß wohl von Kambodscha, Jugoslawien, Ruanda, Westsudan. Jetzt geht es aber um Europa. Es ist für mich schlechterdings undenkbar, dass Deutschland jemals wieder gegen einen seiner Nachbarn Krieg führt. Ebenso undenkbar ist für mich, dass es jemals wieder in Deutschland zu einer Judenverfolgung kommt. Und das erfreut mich ungemein. Ich halte die permanente Beschwörung des „nie wieder!“ für eine Art von Unglauben. Nein, ich habe die NPD nicht übersehen. Sie hat 5000 Mitglieder und eine größere Zahl von Sympathisanten. Sie macht uns Ärger und Arbeit. Und jeder, der ihr auf den Leim geht, ist einer zu viel. Wer ihr zutraut, dass sie in Deutschland tonangebend werden könnte, überschätzt sie maßlos. Auch das ist eine Art von Unglauben.

Ich will damit nicht sagen, dass wir einer Zukunft ohne Gefahren entgegengehen. Ich will nur vor der Gedankenlosigkeit warnen, die Gefahren der Zukunft seien die, die wir aus der Vergangenheit kennen. Geschichte wiederholt sich nicht. Wer vor allem dies fürchtet, macht sich blind für zukünftige Gefahren.

Eine dieser Gefahren ist, dass das Projekt Europa scheitert, weil wir es nicht ernst genug genommen haben. Wenn die europäische Verfassung scheitert, weil sie nicht von allen Mitgliedsländern akzeptiert wird, ist zwar Europa noch nicht gescheitert, aber erst einmal in einer Sackgasse. Wenn die europäische Einigung nicht so weit gediehen gewesen wäre, wäre es 1990 auch nicht zur deutschen Einigung gekommen. Und erst durch die Osterweiterung der EU ist Deutschland „umzingelt von Freunden“. So komfortabel war Deutschlands Lage in seiner Geschichte noch nie.

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