• Zuwanderung nach Deutschland: Fast 6000 minderjährige Flüchtlinge sollen verschwunden sein
Update

Zuwanderung nach Deutschland : Fast 6000 minderjährige Flüchtlinge sollen verschwunden sein

Das Familienministerium hatte kürzlich keine Hinweise gesehen für das Verschwinden junger Flüchtlinge. Aktuelle Zahlen des Innenministeriums dagegen zeigen offenbar etwas anderes.

von
In Deutschland werden laut einem Bericht mehrere Tausend minderjährige Flüchtlinge vermisst .
In Deutschland werden laut einem Bericht mehrere Tausend minderjährige Flüchtlinge vermisst .Foto: dpa/Carsten Rehder

In Deutschland sollen nach einem Medienbericht im Vorjahr 5835 minderjährige Flüchtlinge verschwunden sein. Die Zahl gehe aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Parlamentsanfrage hervor, berichten die Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Familienministerium sprach von Registrierfehlern

Anfang Februar hatte allerdings das Bundesfamilienministerium mitgeteilt, es gebe keine belastbaren Hinweise, dass in Deutschland Tausende alleinreisende Flüchtlingskinder verschwunden sein könnten. In diesem Zusammenhang wurde auf „Vielfachzählungen“ oder andere Registrierungsfehler verwiesen. Nach der Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag wurden nun ursprünglich sogar 8006 minderjährige Flüchtlinge als vermisst gemeldet, später tauchten aber mehr als 2000 wieder auf. Die Kinder und Jugendlichen stammten demnach überwiegend aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Marokko und Algerien. 555 sind Kinder, also jünger als 14 Jahre.
Die Regierung sei verpflichtet, solchen Fällen nachzugehen, erklärte der Sprecher des Bundesinnenministeriums am Montag in Berlin. Es gebe aber viele Minderjährige, die nach ihrer ersten Registrierung bei Verwandten unterkämen. Eine Rückmeldung darüber gebe es jedoch selten – die Zahl der als vermisst Registrierten sei damit erheblich höher als die der wirklich Verschwundenen.

Auf eigene Faust Richtung Norden

Die Grünen-Politikerin Luise Amtsberg warnte davor, dass verschwundene Flüchtlingskinder Opfer von Menschenhändlern werden könnten. Es bereite ihr Sorgen, dass die Bundesregierung „die Gefahren durch Zwangsprostitution und Ausbeutung nicht ernsthaft in Betracht zieht“, erklärte sie.
Bereits im Februar hatte die europäische Polizeibehörde Europol auf die minderjährigen Flüchtlinge aufmerksam gemacht. Von etwa 10 000 verschwundenen Jungen und Mädchen seien allein in Italien etwa 5000 registriert gewesen und dann auf dem Schirm der Behörden nicht mehr aufgetaucht. Viviana Valastro, Fachfrau der Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ in Italien, bestätigte diese Zahl im Gespräch mit dem Tagesspiegel, machte aber seinerzeit schon darauf aufmerksam, dass viele von ihnen nicht wirklich verschwänden, sondern sich auf eigene Faust zu Verwandten und Freunden, oft im europäischen Norden durchschlügen, weil sie nicht ein Jahr oder länger warten darauf wollten, dass die Behörden sie dorthin brächten.

Fachverband: Jugendliche zu Angehörigen bringen


Auch der „Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (Bumf) sieht hier das Hauptproblem: „Die jetzt genannten Zahlen würden drastisch nach unten gehen, wenn deutschlandweit die Zusammenführung der Jugendlichen mit Angehörigen und Bezugspersonen einheitlich organisiert würde“, sagt Bumf-Referent Tobias Klaus. Darauf müsse es auch einen Rechtsanspruch geben. Aktuell stecke man in einer „absurden Situation“, die allen schade – den jungen Leuten wie den Kommunen, die sie in teuren betreuten Wohngruppen festhalten müssten, obwohl sie zu ihren Angehörigen wollten. Ende Januar hat die Koalition den Familiennachzug für Flüchtlinge, die lediglich subsidiären Schutz bekommen haben, zudem für zwei Jahre ausgesetzt.
Dass etliche der Jugendlichen Opfer von Menschenhändlern werden, zu Diebstahl, Prostitution und Drogenhandel gezwungen würden, schließt auch Klaus nicht aus. Das sei desto dramatischer, als es zwar Hilfen für Zwangsprostituierte gebe, aber praktisch keine Schutzvorkehrungen für die, die in die Kriminalität getrieben würden. (mit KNA/dpa)

Autor

8 Kommentare

Neuester Kommentar