Politik : Zweite Chance für Orange

Das zerstrittene Lager der Revolution in der Ukraine findet wohl wieder zusammen

Thomas Roser[Kiew]

Gewinner sehen anders aus. Einen „entscheidenden Sieg“ habe die Partei der Regionen (PdR) bei den ukrainischen Parlamentswahlen errungen, verlas Ex-Premier Viktor Janukowitsch am Wahlabend mit versteinerter Miene seine freudlose Erklärung: „Wir sind bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen.“ Doch obwohl die russlandfreundliche PdR auch nach den ersten Auszählungen künftig wohl die stärkste Fraktion im Parlament stellen wird, bleibt Oppositionschef Janukowitsch der ersehnte Wechsel auf die Regierungsbank vermutlich verwehrt.

Die Niederlage der PdR trotz Wahlsieg schreibt der Abgeordnete Iwan Popescu weniger dem schwachen Abschneiden möglicher Partner, sondern vermeintlichen Wahlmanipulationen der Regierungsparteien zu: „Sie haben gefälscht wie der frühere Präsident Leonid Kutschma – nur viel schlauer.“ Tatsächlich verlief der Urnengang aber nach Ansicht internationaler Wahlbeobachter relativ fair, frei und ohne größere Zwischenfälle.

Die Anspannung wollte bei der eigentlichen Wahlsiegerin selbst in der Stunde ihres größten Triumphs nicht weichen. Feine Schweißperlen liefen über das Gesicht von Julia Timoschenko, während die Frau mit dem markanten Haarkranz ihre Ansprüche auf das erst vor wenigen Monaten unfreiwillig aufgegebene Regierungsamt formulierte. Als stärkster Partner einer möglichen orangenen Koalition habe ihr Wahlblock (BJUT) „das Recht, den Premier zu nominieren“, so die Ikone der Revolution.

„Alles deutet nun auf eine Neuauflage der orangenen Koalition hin“, ist indes der Kiewer Politologe Volodymyr Fesenko überzeugt. Tatsächlich dürfte das gute Abschneiden der BJUT den schwächelnden Präsidenten zum neuerlichen Bündnis mit der von ihm erst im September als Premierministerin geschassten Timoschenko zwingen. Doch die Machtbalance hat sich nach der Schlappe von Juschtschenkos „Unsere Ukraine“ (NU) zu Gunsten der wortgewaltigen Volkstribunin verlagert. Seine Bereitschaft, mit den einstigen Partnern der orangenen ins Regierungsboot zu steigen, bekundete als bewährter Juniorpartner bereits Sozialistenchef Alexander Moros: „Wir sind zur Koalition bereit.“

Katzenjammer herrscht hingegen bei der NU, die künftig nur die drittstärkste Fraktion im Parlament stellt. Schuld sei die Spaltung des orangenen Lagers, seufzte ein Wahlhelfer. Juschtschenko ging am Montag auf Tauchstation – und ließ seinen Vize-Präsidialamtschef auf die Versöhnungsbremse treten. Die für den Vormittag geplante Unterzeichnung einer Absichtserklärung zur Bildung einer Koalition von BJUT, NU und Sozialisten erklärte er für vertagt: Es sei „nicht anständig“, über Koalitionen vor Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses zu reden.

Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko nahm unterdessen seine Niederlage beim Kampf um das Bürgermeisteramt in seiner Heimatstadt Kiew mit Sportsgeist auf. „Man muss gewinnen können, man muss auch verlieren können“, sagte er auf einer Pressekonferenz mit Wahlsieger Leonid Tschernowizki. Klitschko, der sich erstmals um ein politisches Amt bewarb, kam mit 23,17 Prozent auf Platz zwei.

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