Big Four: Die US-Sport-Kolumne : Das Geheimnis des Tim Duncan

Mit 39 Jahren auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Forward Tim Duncan prägt die Ära der San Antonio Spurs seit 1997. Auch das frühe Aus des amtierenden Meisters in den diesjährigen NBA-Play-offs muss nicht - und darf nicht - das Karriereende der Legende bedeuten. Eine Würdigung.

David Digili
Tim Duncan ist 39 Jahre alt und kann noch immer mit den besten Spielern in der NBA mithalten.
Tim Duncan ist 39 Jahre alt und kann noch immer mit den besten Spielern in der NBA mithalten.Foto: AFP

Da standen sie beide auf dem Parkett im Staples Center zu Los Angeles am Samstagabend Ortszeit, die entscheidenden Akteure ihrer Mannschaften. Vor Momenten erst hatten die Clippers Spiel sieben der atemberaubenden Play-off-Serie gegen die San Antonio Spurs gewonnen, mit 111:109 - dank eines Korblegers von Aufbauspieler Chris Paul eine Sekunde vor Schluss. Sie hatten damit die nächste Runde erreicht und den amtierenden Meister früh aus dem Rennen geworfen. Und Paul, der Matchwinner der Clippers, stand da in inniger Umarmung mit Tim Duncan, dem unterlegenen Granden der Spurs. Unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Heimfans hatten die beiden Tränen in den Augen. "Ich wollte Tim nur sagen, wie sehr ich ihn bewundere und liebe", erklärte ein sichtlich ergriffener Paul danach. 

Es war die Ehrerbietung eines großen Spielers an eine Legende. Duncan, das mittlerweile 39-jährige Denkmal der Spurs, hat wie kein anderer Akteur die NBA bestimmt, seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten. Auch in den Play-offs 2015 dominierte Duncan das Geschehen auf dem Court. Nicht mal auf den zweiten Blick stand da ein Spieler im gehobenen Sportleralter jüngeren, athletischeren, schnelleren Gegnern wie dem hochtalentierten Clippers-Duo aus Forward Blake Griffin und Center DeAndre Jordan gegenüber - und lieferte sich packende Duelle. Ein wenig klang bei Paul also wohl auch die Befürchtung mit, die Ära des 2,11-Meter-Manns mit der Rückennummer 21 könnte nun ihr Ende gefunden haben. Der Vertrag des Forwards läuft zum Saisonende aus, zeitgleich mit mehreren anderen Kontrakten. 

Glücksfall für San Antonio

"Wir müssen unbedingt eine Petition auf den Weg bringen, dass Tim noch mindestens zehn Jahre spielt", schwärmte Tage zuvor auch Ex-Spieler Reggie Miller, heute Experte im US-Fernsehen. Gerade hatte Duncan im fünften Spiel der Serie gegen Los Angeles einen Griffin-Wurf geblockt - eine knappe Minute vor Schluss war die Aktion mitentscheidend für den 111:107-Sieg. "Es ist unglaublich, er scheint einfach nicht zu altern", begeisterte sich Miller immer wieder - und schob die Frage hinterher: "Was ist bloß sein Geheimnis?" 

1997 kam Duncan nach San Antonio. Die Spurs hatten gerade eine grauenhaft schlechte Spielzeit hinter sich. Das Regelwerk will es so, dass beim alljährlichen Draft die Teams aus dem Tabellenkeller zuerst die größten College-Talente auswählen dürfen. Die Kombination aus Trainer Gregg Popovich und "TD21" sollte zum Glücksfall werden, die Erfolge können in ihrer Ganzheit nur schwer aufgelistet werden: Fünf Mal wurde die Meisterschaft gewonnen, zuletzt 2014. "Er versteht es wie kein anderer, sich mit dem Spiel zu verändern - und uns mit", erklärte Duncan das Geheimnis im langjährigen Verhältnis mit dem 66-jährigen Popovich, der bereits seit 1996 im Amt ist. Als Team haben die Spurs seit Duncans Ankunft in jeder Saison die Play-offs erreicht. 2002 und 2003 dekorierte ihn die NBA mit der Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der regulären Saison. Die Trophäe für den MVP der Finalserie wurde ihm sogar gleich drei Mal überreicht. "Die einzigen, die sich wünschen, dass Tim aufhört, sind seine Gegenspieler," scherzte schon Ex-Teamkollege Brent Barry, heute Miller-Kollege als TV-Experte. 

Duncan ist auch mit 39 Jahren noch einer der besten Spieler

"Es kann sehr gut sein, dass wir alle in der nächsten Saison wieder da sind", erklärte "Coach Pop" nun auf der ersten Pressekonferenz nach dem Play-off-Aus - und fügte scherzend an: "Das Gehalt ist ja nun nicht so schlecht." Ein Ende der Ära dieser Spurs, viel mehr noch ein Karriereende Duncans, ein Auseinanderbrechen des nur auf dem Papier gealterten Mannschaftskerns um Duncan, Spielmacher Tony Parker (32) und den Argentinier Manu Ginobili (37) wäre ein Verlust für den Sport: San Antonio spielt seit Jahren Teambasketball alter Schule, lässt den Ball fast schon wie ein Handballteam so lange durch die eigenen Reihen laufen, bis sich in der gegnerischen Verteidigung zwangsläufig eine Lücke zum Wurf auftut. Defensiv ist das Team für seine Disziplin, offensiv für seine Variabilität gefürchtet. Der sonst so kritische TV-Kommentator Jeff van Gundy schwärmte einmal: "So muss Basketball gespielt werden." 

An beiden Enden des Spielfelds ist Duncan der Fixpunkt. Er gilt als einer der besten Spieler aller Zeiten, vielleicht sogar als der beste auf der Power-Forward-Position überhaupt. Durch seine unglaubliche Routine und Erfahrung, seine Fähigkeit, zu antizipieren, ist er über die Jahre nicht nur konkurrenzfähig mit der jungen, hippen Forward-Elite geblieben - er zählt noch immer zu den besten. Duncans Spiel ist selten spektakulär, dafür aber umso wirkungsvoller. Popovich ließ seinem Mann in der Mitte in den letzten regulären Spielzeiten dazu immer öfter Ruhepausen, um ihn für die wichtigen Momente zu schonen. Als sich Duncan, der große alte Mann, in einem Spiel der abgelaufenen Saison ins Publikum stürzte, um einen Ball im Spiel zu halten, begeisterte sich van Gundy: "Tim ist wie guter Wein, mit den Jahren wird er immer besser."

"The Big Fundamental"

Duncan selbst sind Lobeshymnen seit jeher ein Graus. Er ist der Gegenentwurf zum allgemeinhin als protzig und selbstverliebt wahrgenommenen Basketballer. Ikonen wie Kobe Bryant oder LeBron James haben ihre Kapricen, ihr überbordendes Selbstbewusstsein, oft mindestens an der Grenze zur Arroganz. Duncan dagegen ist kein Mann großer Gesten, weder auf Facebook noch auf Twitter aktiv, mischt nicht im Showgeschäft mit. Er trägt karierte Hemden statt Designermode, glitzernden Schmuck sucht der Beobachter ebenso vergebens wie Skandälchen abseits des Sports. Wo andere Sternchen der Liga großes Aufhebens um Vertragsverlängerungen machen, um das eigene Gehalt in noch höhere Höhen zu treiben, verlief die Bekanntgabe jedes neuen Duncan-Kontrakts fast schon im Sande.

Nicht nur für seine Auftritte auf dem Court adelte ihn Center-Legende Shaquille O'Neal, sonst traditionell sparsam mit Lob für seine Kontrahenten, daher einst als "The Big Fundamental". Für Spektakel waren und sind stets andere zuständig - wie in diesem Jahr die Golden State Warriors um Aufbauspieler Stephen Curry, zu Wochenbeginn zum MVP 2015 gekürt. Experten sind sich übrigens einig: Etwas besseres als das frühe Aus des größten Konkurrenten San Antonio hätte den Kaliforniern - dem besten Team der abgelaufenen Spielzeit - nicht passieren können.

Duncans Zurückhaltung indes gründet wohl schon in der Kindheit auf den Jungferninseln. Über Mutter Ione kam er erst zum Schwimmen, wollte es seiner älteren Schwester Tricia gleichtun, die an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul teilnahm. Als Ione einen Tag vor Duncans 14. Geburtstag an Brustkrebs starb, war das auch das Ende der Schwimmerkarriere des am Boden zerstörten Duncan. Der Schwager brachte ihn zum Basketball, um den Schicksalsschlag zu überwinden, neue Kraft zu schöpfen. Zusätzlichen Antrieb leistete ein unvergessener Leitspruch seiner Mutter: "Good, better, best. Never let it rest. Until your good is better, and your better is best." 

Gut möglich, dass genau dieses Motto das Geheimnis hinter Timothy Theodore Duncan ist.

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