1. FC Köln : Ist denn heut’ noch Karneval?

Am 15. August startet die Bundesliga. In unserer Serie testen wir die Klubs auf Stars, Stimmung und Chancen. Folge 1: Was den 1. FC Köln unverwechselbar macht und warum Christoph Daum den Star spielt.

Lorenz Maroldt
Köln
Gute Stimmung. Vucicevic albert bei der offiziellen Mannschaftsvorstellung herum. -Foto: dpa

Was hat sich verbessert?

Die Abteilung Physiotherapie. Dem FC ist es gelungen, dem Pillendreherverein von der anderen Rheinseite den Druiden Dieter Trzolek abzuwerben, und dessen Vize ist auch auf dem Sprung. Ein weitsichtiger Wechsel, denn von sechs neuen Spielern sind vier schon verletzt – die lernen jetzt Trzoleks Blutegeltherapie kennen und werden vor Schreck wieder gesund. Außerdem ist der FC auf dem besten Weg zur Multikultimeisterschaft. Welcher andere Verein hat schon Spieler aus Burkina Faso, Brasilien, Frankreich, England, Kamerun, Kanada, Kolumbien, Libanon, Marokko, Mazedonien, Nigeria, Serbien, Slowenien und der Türkei auf einmal im Team? Ach ja, ein paar Deutsche sind auch dabei, sie heißen zum Beispiel Matip, Pezzoni, Yalcin, Chihi … Angeblich liegt derzeit beim Vereinsregister ein Antrag auf Umbenennung in Inter Colonia. Was fehlt, ist ein Müller, und wenn er auch Helmes hieße. Der aber spielt jetzt – in Leverkusen.

Wer sind die Stars? Lukas Podolski, Lukas Podolski und Lukas Podolski. Für alle drei hat der FC ein Vorkaufsrecht, und das allein gibt schon genug Schwung für mindestens den Uefa-Cup, gefühlt jedenfalls. Ansonsten: Zweitliga-Torschützenkönig Novakovic hat verlängert; aber was ist er wert ohne Helmes? Faustballmeister Mondragon bleibt auch; aber mit 37 Jahren bleibt er wohl auch bald mal liegen. Und von den Neuen? Womé, Geromel, Sanou, Ishiaku … da fehlt doch was, da fehlt doch wer? Richtig: Lukas Podolski. Und bis der wieder da ist, muss eben Christoph Daum den Star spielen. Der hat immerhin, sagt er jedenfalls, ständig Angebote von Vereinen aus der Champions League, und zwar, nehmen wir mal an, vom Kaliber ManU. Wenn nicht sogar noch besser.

Welche Taktik ist zu erwarten? Im hinteren Mittelfeld rauf auf den Gegner, Ball erstochern und dann hoch nach vorne, auf Novakovic, Novakovic mit dem Kopf, und, und, und – hallo? Die andere Variante geht vom Mittelkreis aus. Da öfter mal Anstoß für den FC zu erwarten ist, wird die dafür erforderliche Kurzpasstaktik besonders intensiv geübt. Alles andere fällt gezwungenermaßen in die Kategorien „Kreative Kunst“ und „Künstliche Kreativität“. In der vergangenen Saison war es so, dass die Spieler ihren Taktiktüfteltrainer mal interkulturell nicht verstanden haben und mal intellektuell nicht. In der neuen Saison soll alles andersherum werden. Immerhin scheint die Abwehr stärker zu sein als in der vergangenen Saison. Der großen Fortuna aus Düsseldorf wurde beim Testspiel auf fremdem Platz immerhin ein 0:0 abgetrotzt. Na gut, ein bisschen Glück war auch dabei.

Wer hat das Sagen im Verein? Das Festkomitee des Kölner Karnevals. Es wird allerdings von kaum noch jemandem verstanden, was durchaus von Vorteil ist. Und das kam so: Irgendwann nach seiner triumphalen messianischen Rückkehr nach CCAA (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) bemerkte der heilige Christoph, dass seine genialischen Eingaben auf geradezu unheimliche Weise verschwanden. Als er der Sache auf den Grund ging, stellte er fest, dass alle seine Strategiepapiere als Büttenreden verlesen und dann im Witzemuseum archiviert worden waren. Verzweifelt rief er: „Wenn aus diesem Verein jemals etwas werden soll, müssen hier alle Karnevalsklüngelanten entlassen werden!“ Da sprach Präsident Wolfgang I.: „Aber Junge, ich bin doch ein Fußballgott.“ Daraufhin beschloss der heilige Christoph, die Macht dieser frohsinnigen Gesellschaft mit babylonischer Sprachverwirrung zum Einsturz zu bringen (siehe oben).

Wie ist die Stimmung im Stadion? Also, mal ganz im Ernst: So viel Spaß wie hier haben die Leute kaum irgendwo sonst. Das gilt auch ganz besonders für die lieben Gäste aus Gladbach, Schalke und Leverkusen, die sich in Müngersdorf meistens wie zu Hause fühlen, aber leider auch so benehmen. Ansonsten ist der Kölner ebenso wie seine Nachbarn aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden wild auf Viva Colonia. Das liegt, ganz klar, auch am Stadion, das eines der schönsten ist im Land. Mehr als 40 000 Zuschauer kamen im Durchschnitt zu den Spielen in der Zweiten Liga, auch wenn sie meistens vor allem sich selbst zu feiern hatten. Der FC ist eben eine Art lustvoller Leidenskult, und das ist dann auch zu hören.

Welche Platzierung ist zu erwarten? Viermal ist der 1. FC Köln in den vergangenen zehn Jahren abgestiegen, viermal ist er wieder aufgestiegen. Nach jeder Saison wurden alle Fehler erkannt und abgestellt, also vor allem mittelmäßige Spieler aus den den ehemaligen Trainern nahestehenden Ländern ausgetauscht gegen mittelmäßige Spieler aus den den neuen Trainern nahestehenden Ländern. So ist es auch diesmal, nur dass es diesmal wirklich hilft. Echt! Das muss jetzt nur noch jemand den anderen Mannschaften sagen, sonst geht es wieder schief. Den ersten großen Kommunikationstest gibt es noch vor Saisonbeginn, und zwar beim DFB-Pokalspiel in Niederauerbach. Das ist übrigens ein Stadtteil von Zweibrücken. Wenn sie dort verlieren, kämpfen sie gegen den Abstieg. Wenn sie dort gewinnen – erst recht.

Morgen: TSG Hoffenheim

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