Sport : 1. FC Union: Der rettende Befehl des Generals

Karsten Doneck

Alle beschäftigten sich gedanklich schon mit der Verlängerung. Auch Daniel Ernemann. Der 24-Jährige verteidigt beim 1. FC Union, und von daher ist ihm wohl die Mentalität eigen, zumindest gegen einen höherklassigen Gegner in letzter Spielminute lieber ein 0:0 halten zu wollen, als unbedingt noch auf den Siegtreffer aus zu sein.

Da bekam Union, der Regionalligist, also in der Nachspielzeit des DFB-Pokal-Viertelfinales gegen den Bundesligisten VfL Bochum noch einen Freistoß zugesprochen, weit in des Gegners Hälfte. Und Ernemann? "Der wollte hinten bleiben und absichern", erzählt Georgi Wassilew, der Union-Trainer. Ein kurzer Blickkontakt zwischen ihm und Ernemann, ein paar unmissverständliche Zeichen - und Ernemann musste auf Befehl seines Trainers, der in seiner Heimat mit dem Beinamen "der General" belegt wurde, ausrücken in den Bochumer Strafraum. Klar, er ist lang und damit prädestiniert für Kopfbälle bei Standardsituationen.

Unions Libero Tschiedel trat den Freistoß. Kein Schuss, mehr ein Pass flach rechts an der Mauer vorbei, direkt zu Balcarek, der leitete den Ball flach weiter in die Mitte des Strafraums zum nach vorne geeilten Ernemann - und der verwandelte. Nicht mit dem Kopf, logisch, sondern mit dem Fuß, dem linken. 1:0 schlug der 1. FC Union den VfL Bochum und bestreitet nun am 6. oder 7. Februar in der Alten Försterei das Halbfinale gegen den Zweitligisten Borussia Mönchengladbach. "Der Ball hat dagelegen, ich habe ihn reingeknallt - und alles andere ist mir völlig egal", kommentierte Ernemann seinen Treffer und fand noch die Kraft, heftigst mit einer Union-Fahne herumzuwedeln, die ihm ein begeisterter Fan nach dem Abpfiff in die Hand gedrückt hatte.

Mit seinem Last-Minute-Tor schrieb Daniel Ernemann für seinen Verein Geschichte. "Wir haben durch den DFB-Pokal in ganz Deutschland auf uns aufmerksam gemacht", sagt Georgi Wassilew stolz. Und dennoch herrscht keine pure Glückseligkeit in der Wuhlheide. "Der Pokal kann für uns nur ein Zubrot sein", betont Daniel Ernemann bei aller Euphorie. Und Unions Präsident Heiner Bertram legt fest, wohin der Kurs führen muss. "Priorität hat für uns eindeutig der Aufstieg in die Zweite Liga", sagt er. Und: "Die Regionalliga - die ist vom wirtschaftlichen Standpunkt her katastrophal." Insofern schlugen die beiden jüngsten Punktspielniederlagen gegen Lüneburg (1:2) und beim VfB Lübeck (0:1) tiefe Wunden bei Union.

Doch davon war im DFB-Pokal gegen den VfL Bochum nichts zu spüren. Dabei hatte Union nach einer halben Stunde einen schweren Rückschlag erlitten. Torwart Sven Beuckert musste ausgewechselt werden. Verdacht auf Gehirnerschütterung. Er war zehn Minuten zuvor mit dem Ex-Herthaner Sergej Mandreko unglücklich zusammengeprallt. Ins Tor stellte sich Robert Wulnikowski. Der verfügt durchaus über Pokalerfahrung. Viermal war der 23-Jährige in dieser Saison im Einsatz gewesen, jeweils im vergleichsweise bedeutungslosen Paul-Rusch-Pokal und erstmals dort Ende August beim 11:0 gegen Rotation Prenzlauer Berg vor 450 Zuschauern. Diesmal schauten ihm 11 045 Zuschauer auf die Fanghände. Lampenfieber? Schweißausbrüche gar? Nichts davon. "Ich habe mich total selbstsicher gefühlt", sagte Wulnikowski hinterher. Erstaunlich aber auch, wie wenig Arbeit die Bochumer dem neuen Mann zwischen den Union-Pfosten aufluden. Wulnikowskis einzige schwerwiegende Rettungstat war Mitte der zweiten Hälfte eine Fußabwehr gegen den frei vor ihm auftauchenden Drincic.

Ansonsten konnte Wulnikowski zumeist in Seelenruhe betrachten, wie sich beide Mannschaften im Mittelfeld belauerten, auf Fehler des anderen warteten und auf keinen Fall zu viel riskieren wollten. Für Daniel Ernemann steckte klare Absicht hinter der vorsichtigen Taktiererei. "Wir wollten möglichst lange ein 0:0 halten", verrät er, "und wir dachten, wenn uns das gelingt, dann eiern wir denen schon mal irgendwann ein Ding rein." Diese Eierei übernahm Ernemann dann persönlich. In letzter Minute.

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