1. FC Union : Drinbleiben ist alles

Der Trainer ist geblieben, der Kader sowohl breiter als auch variabler aufgestellt und im Umfeld herrscht vorsichtige Euphorie. Doch für Union Berlin zählt nach der erfolgreichen Premierensaison in Liga zwei nur der Klassenerhalt. Und Derbysiege gegen Hertha.

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Flache Hierarchie bei Union: Angreifer Karim Benyamina (vorne), Neuzugang Halil Savran, Kapitän Torsten Mattuschka und die alte und neue Nr. 1 Jan Glinker wollen gemeinsam die Klasse halten. Und Hertha ärgern.
Flache Hierarchie bei Union: Angreifer Karim Benyamina (vorne), Neuzugang Halil Savran, Kapitän Torsten Mattuschka und die alte...Foto: dpa

Was hat sich verbessert?

Die Trikots auf alle Fälle nicht. Das knallig rote Heimtrikot vermag ja noch zu gefallen – es ist allein aus Gründen der Tradition schick. Was es mit dem olivgrünen Auswärtstrikot des 1. FC Union auf sich hat, konnte dagegen noch nicht hinlänglich geklärt werden (Tarnung wäre eine mögliche Option). Viel wichtiger ist ohnehin, wer in den Trikots steckt. Und da kann der Verein sich durchaus sehen lassen. In puncto Personal haben die Köpenicker zugelegt. In ihr zweites Zweitligajahr nach dem Aufstieg 2009 starten sie mit einem deutlich breiteren Kader. Durch die fünf aussichtsreichen Neuverpflichtungen und weitere Kräfte aus dem eigenen Nachwuchs hat Union nun jede Menge Alternativen, kann Verletzungen besser kompensieren – und darüber hinaus variabler auftreten (zu dieser Kernkompetenz später mehr). Positives gibt es außerdem von der Finanzfront zu berichten; das ist bei Union längst nicht selbstverständlich. Der Etat wird wohl erneut aufgestockt und über den 12 Millionen Euro des Vorjahres liegen. Stadt- und neuer Ligakonkurrent Hertha BSC wird am Ende wohl trotzdem mehr als doppelt so viel Geld zur Verfügung haben.

Wer sind die Stars?

Stars bei Union? So etwas ist im Konzept Berlin-Köpenick eigentlich nicht vorgesehen. Vielmehr wird – inzwischen – auf allen Ebenen Wert auf eine funktionierende Gemeinschaft gelegt, man orientiert sich an seinen Wurzeln als Arbeiterverein. Hier begrüßt der Präsident die Zuschauer auf den Stehplätzen noch persönlich, hier tummeln sich die Anhänger im Vip-Raum. Auf dem Fußballfeld gibt es klarere Hierarchien. Dort sollen sich vor allem Ahmed Madouni (in der Abwehr) und der neue Kapitän Torsten Mattuschka (im Mittelfeld) um die Organisation kümmern. Dass Publikumsliebling Mattuschka, dem Unions Fans in der vergangenen Spielzeit eigens ein Lied dichteten, zu Beginn der Saison bei der Aufnahme des Mannschaftsfotos sein blankes Hinterteil präsentierte, nun ja, das verbuchen wir mal in der Kategorie Ausrutscher. Obwohl, Starpotenzial hatte die Aktion allemal – und sie lieferte die Erkenntnis: Auch ein Verein wie der 1. FC Union kann einen Robbie Williams im Team verkraften.

Welche Taktik ist zu erwarten?

Gute Frage. Bei den zahlreichen personellen und taktischen Experimenten von Uwe Neuhaus kann man schon mal den Überblick verlieren, das war in der gesamten abgelaufenen Saison nicht anders als in den Vorbereitungsspielen auf die neue Spielzeit. Die Maxime des Berliner Trainers lautet: „Wenn man viel ausprobiert, bekommt man ein Gefühl dafür, ob es passt.“ Dabei galt Neuhaus im Prinzip lange als Freund des klassischen 4-4-2-Systems, nun aber deutet nach den bisherigen Tests viel darauf hin, dass er sich dem aktuellen Trend des Weltfußballs anschließt und eine 4-2-3-1-Formation auf den Platz schickt. Jan Glinker hat das brisante Duell im Tor gegen Marcel Höttecke für sich entschieden. Macchambes Younga-Mouhani und Torsten Mattuschka bildeten zuletzt eine ganz passable Doppelsechs, um die Position der einzigen Sturmspitze streiten sich Halil Savran, Karim Benyamina und John Jairo Mosquera. Festlegen möchte sich der Trainer nicht. „Wir müssen flexibel bleiben“, sagt er. Denn für ein Team wie Union kommt im Zweifelsfall auch immer die Chamäleon-Taktik infrage: Man muss in der Lage sein, sich dem Gegner anzupassen.

Wie viel Macht hat der Trainer?

Nicht zu wenig. Zwar definieren sich die Köpenicker auch über die flache Hierarchie innerhalb des Vereins, trotzdem genießt Uwe Neuhaus viel Anerkennung und den Bonus des Zweitligaaufstiegs. Seitdem er die Mannschaft im Jahr 2007 übernommen hat, ist es kontinuierlich aufwärts gegangen. Die Fans danken es ihrem Coach regelmäßig mit ausgiebigen "Uwe, Uwe!"-Rufen. Es müsste also schon einiges zusammenkommen, damit der 50-Jährige den Platz am Spielfeldrand räumt. Neuhaus kann höchstwahrscheinlich einigermaßen unbehelligt weiter experimentieren, andere Trainer der Zweiten Liga leben da weitaus gefährlicher.

Was erwarten die Fans?

Fließend Bier! Noch in der vergangenen Saison streikten die Getränkeleitungen infolge des Kälteeinbruchs im Stadion. An der Alten Försterei sollte das besser nicht mehr passieren. Rein sportlich täte der Stimmung ein Derbysieg gegen den Kontrahenten aus Berlin-Charlottenburg gut, besser zwei! Und wenn am Ende mindestens der zum Klassenerhalt berechtigende Platz 15 in der Tabelle erreicht wird, ist der bescheidene Köpenicker auch schon glücklich; der Rest wäre Feiern. Das können Unions Anhänger übrigens meisterlich. Wenn es sein muss, auch ohne Bier.

Was ist in dieser Saison möglich?

In der Saison oder am vierten und 21. Spieltag? Es ist schon zum Verrücktwerden, auch Unions Manager Christian Beeck wird das Gefühl nicht los, „dass nur noch über die Spiele gegen Hertha geredet wird. Dabei gibt es doch noch 32 andere“. Ob ein Derbysieg möglich ist? Am vierten Spieltag, vor eigener aufgeheizter Kulisse in der engen Försterei, sicherlich. Das Primärziel des 1. FC Union ist allerdings ein anderes: Der Klub will sich langfristig in der Zweiten Liga etablieren, die Spielzeit 2010/11 soll ein Schritt auf diesem Weg sein. Auf welchen Platz er letztlich führt, ist erst einmal nebensächlich (solange es nicht einer unter den letzten drei ist). Wenn alles passt, die Berliner von größeren Verletzungssorgen verschont bleiben und sich weiterhin geschlossen präsentieren, könnte auch eine Platzierung im vorderen Mittelfeld drin sein. Dann würden vielleicht sogar die ollen Trikots zu Kultobjekten werden.

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