Sport : 1. FC Union: Ein Freispiel drin

Andre Görke

Als Heiner Bertram vor knapp drei Wochen in Monte Carlo saß, hatte Unions Präsident gewisse Vorstellungen von der Uefa-Cup-Auslosung: Ein namhafter Gegner wäre nicht schlecht, das Stadion wäre dann ausverkauft. Oder zumindest wünschte sich Bertram einen Gegner, gegen den der 1. FC Union die dritte Runde erreichen könnte. Um die Mittagszeit kam in Monte Carlo die Ernüchterung. Union trifft in der zweiten Runde auf Liteks Lowetsch, einen Klub aus dem Norden Bulgariens, der zweimal Landesmeister wurde. Ein wenig attraktiver, aber starker Gegner. "Unser Wunschlos sah anders aus", sagte Bertram.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Am Dienstagvormittag meint Bertram nun: "Das wird ein bulgarisches Festival." Unions Trainer Georgi Wassilew, ein Bulgare, lächelt geschmeichelt. "Das Land hat eine sehr große Tradition im europäischen Fußball", sagt Bertram. Und erst der Manager von Lowetsch: Ein großer Mann in der Fußballbranche. Dimitar Penew hat 1994 als Trainer der bulgarischen Nationalmannschaft die Deutschen unter Bundestrainer Berti Vogts aus der WM komplimentiert. Bertram sagt: "Bulgarien ist eine große Fußballnation."

Bertrams Worte haben einen gewissen Unterton. Sie klingen wie Werbung. Der 1. FC Union steckt vor dem heutigen Uefa-Cup-Hinspiel gegen Liteks Lowetsch (18 Uhr, Jahnsportpark) ein wenig in der Klemme. Für die Köpenicker ist die Teilnahme am Europapokal der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Sie, als Aufsteiger aus der drittklassigen Regionnalliga, stehen in der zweiten Runde. Eigentlich eine Sensation. Im Jahnsportpark werden dennoch wohl einige Plätze leer bleiben. Liteks Lowetsch ist nicht gerade ein Kassenknüller. Die Bulgaren spielen sehr guten Fußball, sagt Trainer Wassilew, "eine sehr erfahrene Mannschaft". Lowetsch ist ein anderes Kaliber als der finnische Klub Valkeakoski, Unions Gegner in der ersten Runde. Berlins Zweitligisten droht das Aus im Europapokal, ohne dass er diesen bislang so richtig kennen gelernt hat.

Dank des Überstehens in der ersten Uefa-Pokal-Runde hat der 1. FC Union zumindest seinen 13,7-Millionen-Etat abgesichert. "Alles was jetzt kommt, das ist wie ein Freispiel beim Flippern", sagt Unions neuer Manager Klaus Berge, der für flotte Sprüche bekannt ist. "Wir können nur gewinnen, gerade am Image. Es ist doch geil, im Europacup zu spielen." Auch gegen Lowetsch? "Man hofft immer auf Inter Mailand." Aus wirtschaftlicher Sicht hat sich Unions Teilnahme am Uefa-Cup gelohnt. "Was wir für eine wirtschaftliche Basis schaffen konnten! Das ist gigantisch", sagt Berge. "Vor einiger Zeit ging der Verein nicht einmal am Krückstock, Union wurde im Rollstuhl durch die Gegend geschoben. Das ist gerade ein großer Heilungsprozess." Durch die zusätzlichen Vermarktungsmöglichkeiten der Spiele lohnt sich die Teilnahme auch finanziell. Mehr als zwei Millionen Mark fließen an Fernsehgeldern. "Das sind bei uns sieben, acht Prozent des Etats", sagt Klaus Berge. "Bei Hertha BSC geht so etwas in den Promillebereich."

Da an der Alten Försterei nur 1600 Sitzplätze zur Verfügung stehen, muss der 1. FC Union heute Abend wieder im ungeliebten Jahnsportpark antreten. Da hatte einst Mielkes Lieblingsklub BFC Dynamo gekickt, Unions Erzrivale. Der Mythos lebt weiter: Beim Spiel gegen Valkeakoski hatten die Fans deshalb trotzig "Auswärtssieg" gebrüllt. "Vielleicht sind einige auch froh, mal wieder den grauen Alltag zu sehen", sagt Manager Berge. "Der Uefa-Cup ist eine Art Urlaub", sagt er. "Immer wenn man verreist ist, freut man sich auch wieder auf zu Hause."

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