Sport : 1. FC Union: Ein Libero auf Bewährung

Karsten Doneck

Die Bilanz sagt alles: 36 Punktspiele - nur 23 Gegentore. Damit verfügte die Mannschaft über die beste Abwehr aller 73 Klubs, die sich in der vorigen Saison von der Bundes- bis in die Regionalliga um das Verhindern von Gegentoren bemühten. Und so schaut Georgi Wassilew, der Trainer des 1. FC Union, dieser Tage im Trainingslager in Rotenburg an der Fulda stets ungläubig drein, wenn er plötzlich mit der Frage konfrontiert wird, ob er denn auf der Position des Abwehrchefs ein Problem habe. Schließlich haben doch die Spieler, die in der Saison 2000/2001 auf dieser Position in der Regionalliga zum Einsatz kamen, nach dem Aufstieg nicht allesamt die Flucht ergriffen. Jens Tschiedel ist ebenso geblieben wie Steffen Menze und Daniel Ernemann. Dazu kam noch Ivan Kozak, der nicht nur von seinem letzten Klub Tennis Borussia hinreichend Erfahrung mitbringt. Libero-Probleme? Wassilew beantwortet diese Frage gar nicht erst, er schaut nur ungläubig.

Zum Thema Online Spezial: Unions Weg in die Zweite Liga Und doch ist da ein Problem. Tschiedel, aus seiner Zeit bei Bayer Leverkusen europapokal-erfahren und eigentlich erste Wahl als Libero, ist beim Trainer in Ungnade gefallen. Wassilew wirft Tschiedel intern vor, er habe bei der 0:2-Niederlage im Pokal-Endspiel gegen Schalke 04 vor beiden Gegentoren geschludert. "Die Vorbereitungsphase", sagt Wassilew jetzt, "ist eine Prüfung für Tschiedel." Ein Libero auf Bewährung.

Hinter vorgehaltener Hand wird schon mal darüber getuschelt, Tschiedel pflege einen nicht gar so sportlichen Lebenswandel. Wassilew kennt diese Gerüchte. Und er verlangt von seinem Profi mehr Konzentration auf das Wesentliche: "Jens ist sicher ein guter Spieler, aber ich muss auch sehen, dass er sich zu hundert Prozent bei uns engagiert." Dennoch hält er an Tschiedel fest, "denn er ist ein entscheidender Mann in unserem Konzept". In den nächsten Tagen wird Wassilew den 33-jährigen unter vier Augen an seine Pflichten erinnern.

Tschiedel selbst hat rechtzeitig erkannt, dass er jetzt die Kurve kriegen muss. In Rotenburg kniet er sich in die Arbeit hinein, als gäbe es im Fußball nur Fleißprämien. Er spürt den Druck. Nicht nur den des Trainers, sondern auch den der unmittelbaren Konkurrenten. Steffen Menze hat bereits Ansprüche auf Tschiedels Posten angemeldet. "Ich spiele gerne Libero", sagt Menze. Als Mannschaftskapitän zählt er zu den Spielern, auf die Wassilew baut. Fragt sich nur, in welcher Rolle. "Ein Steffen Menze kann uns auf jeder Position helfen", sagt Wassilew ausweichend . Eine Einschätzung, die Menze bestätigt - mit zwei Einschränkungen: "Als Torwart würde ich wohl nicht spielen, und auch Stürmer zu sein, ist nicht mein Ding." Da bliebe für ihn also ein Platz im Mittelfeld - oder im Deckungszentrum. Da von Wassilew bekannt ist, dass er Menzes Offensivqualitäten sehr hoch einschätzt, würde er ihn wohl nur dann als Abräumer hinter der Mannschaft aufbieten, wenn Tschiedel wirklich den nötigen Einsatz und Ernst vermissen ließe.

Dass nun auch noch Ivan Kozak hinzukam, erhöht den Druck auf alle Kandidaten, die bei Union in der nächsten Saison in der Abwehr das Kommando führen wollen. "Ivan kann das auch", sagt Wassilew und schürt damit vielleicht sogar bewusst den Konkurrenzkampf. Aber bei drei Anwärtern auf einen begehrten Platz in der Mannschaft zieht der Bulgare dann auch den Schlusstrich. Daniel Ernemann, in der vorigen Saison ebenfalls als Libero erprobt, wird sich künftig wieder auf sein Verteidiger-Dasein konzentrieren können. Wassilew: "Er wäre als Libero eine Notlösung."

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