100 Meter unter zehn Sekunden : Martin Kellers Sprint durch die Schallmauer

100 Meter in 9,99 Sekunden - noch nie ist ein Deutscher so schnell gesprintet. Zwar hatte Martin Keller dabei Rückenwind, doch die Zeit weckt die Hoffnung, den Anschluss an die Weltspitze geschafft zu haben.

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Flinkfuß. Martin Keller, hier bei der EM 2012 in Helsinki, wo er mit der deutschen Staffel Silber gewann.
Flinkfuß. Martin Keller, hier bei der EM 2012 in Helsinki, wo er mit der deutschen Staffel Silber gewann.Foto: picture alliance / dpa

Ein Lauf wie ein Knall, 9,99 Sekunden, Martin Keller hat damit eine Schallmauer durchbrochen. Noch nie zuvor ist ein deutscher Sprinter auf der 100-Meter-Strecke unter zehn Sekunden geblieben. Keller, 26 Jahre alt aus Leipzig hat das geschafft, beim Meeting in Clermont, Florida, war er knappstmöglich unter dieser Zeit im Ziel. Der Wind hat ihn zwar angeschoben, mit 3,8 Metern pro Sekunde, deshalb wird seine Leistung auch in keiner Rekordliste auftauchen, die Hilfe des Windes ist nur bis zwei Meter pro Sekunde für Rekorde zulässig. Aber für Keller zählte erst einmal, überhaupt so schnell angekommen zu sein. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er: „NeunKommaNeunNeun.... Wie geil. Ich bin der erste Deutsche, der jemals unter allen Bedingungen unter 10 Sekunden geblieben ist.“

Vor mehr als 50 Jahren hatte ein Deutscher einen Weltrekord über 100 Meter aufgestellt, 1960 lief Armin Hary 10,0 Sekunden, allerdings handgestoppt, und in der Umrechnung müsste man auf diese Zeit zwei Zehntelsekunden draufschlagen. Seit Armin Hary sind die deutschen Sprinter erst eingeholt und dann überholt worden, nun weckt Martin Keller jedoch wieder Hoffnungen, dass sie den Anschluss an die schnellsten Männer der Welt gefunden haben könnten.

Chefbundestrainer Idriss Gonschinska war gar nicht mal überrascht von Kellers Zeit. „Das war jetzt nicht ein strahlender Fixpunkt, es geht hier um drei Jahre Arbeit.“ Seit 2010 trainieren die deutschen Sprinter regelmäßig in den USA mit den schnelleren Kollegen aus Großbritannien, Frankreich, Japan, Brasilien und den USA. „Die Idee dahinter ist, sich schon im Training dem zu stellen, was die Weltspitze macht und durch ideale klimatische Bedingungen höhere Zielgeschwindigkeiten zu erreichen“, sagt Gonschinska. „Hochgeschwindigkeitstraining in diesem Zeitraum der Saison hängt auch von den äußeren Bedingungen ab.“

Kellers Bestzeit über 100 Meter liegt bei 10,23 Sekunden, er stellte sie 2008 auf. Mit der Sprintstaffel hat er bei den vergangenen beiden Europameisterschaften eine Bronzemedaille und eine Silbermedaille gewonnen.

Gonschinska hofft, dass sich das Training und die Wettkämpfe in Florida auch bei den nächsten Wettkämpfen auszahlen, im Einzel und mit der Staffel, zumal auch Julian Reus aus Wattenscheid rasant in Florida unterwegs war und in 10,0 Sekunden Zweiter wurde.

Noch vor wenigen Jahren waren von den deutschen Sprintern im Zielraum Dopingvorwürfe gegen die schnellere Konkurrenz zu hören gewesen. Jetzt scheinen sie sich mehr auf sich selbst zu konzentrieren. „Solche Aussagen bringen uns nicht weiter. Denn über andere zu reden, macht uns nicht besser“, sagt Gonschinska. Schneller laufen könne man durch höhere Schrittfrequenz und durch eine sich entwickelnde Schrittlänge, sagt Gonschinska. „Aber es geht auch viel um den Glauben.“ Auch deshalb trainieren die deutschen Sprinter mit besseren Athleten. „Wenn sie im Training einen großen Namen schlagen, ist das gut für die Motivation“, sagt der Chefbundestrainer.

Den Glauben, schneller laufen zu können, dürfte in Europa auch der Franzose Christophe Lemaitre befördert haben. Vor drei Jahren lief er bei den nationalen Meisterschaften 9,98 Sekunden und war damit der erste weiße Sprinter, der unter 10,0 Sekunden blieb. „Er hat dazu beigetragen, dass auch andere sagen: Es ist möglich“, sagt Gonschinska. Auch Keller habe nun etwas gezeigt, da mag der Wind ihm auch noch so stark in den Rücken gepustet haben: „Eine solche Zeit zu laufen, das hat eine Wirkung auf die ganze Szene.“

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