11 Freunde : Die Fans ziehen die Fäden

In immer mehr Ländern wollen Anhänger übers Internet die Macht in Fußballklubs übernehmen und bis hin zur Aufstellung über alles gleichberechtigt abstimmen. Ihr Vorbild kommt aus England.

Mathias Klappenbach

Viele Anrufe, noch viel mehr Minuten und unzählige Male derselbe Text: „Sehr geehrter Kunde. Willkommen bei Ihrem Support-Center. Zurzeit sind leider alle Mitarbeiter im Gespräch. Der nächste freie Platz ist für Sie reserviert.“ Es ist kein verzweifelter Versuch, mit einem Telekommunikationsunternehmen in Kontakt zu treten, sondern mit dem „Klub der Fans“. Doch auch auf Mails antwortet niemand von der GmbH und Co. KG mit Sitz in Karlsfeld bei München, deren Ziel es laut einer Pressemitteilung ist, die „Position der Fußballfans im Sportgeschehen maßgeblich zu stärken, insbesondere durch Einbeziehung in wichtige Entscheidungen ausgewählter Vereine“.

4182 hoffnungsvolle Fans haben sich bisher laut Homepage registriert und bereit erklärt, 50 Euro Jahresbeitrag zu bezahlen, um bei einem deutschen Verein das Sagen zu übernehmen und die Geschicke des Klubs über Abstimmungen im Internet zu lenken. Wer sich anmeldet, kann gleich angeben, welcher Klub von den Fans übernommen werden soll. Auf Platz 1 steht Waldhof Mannheim vor 1860 München. Das Geld muss aber erst tatsächlich bezahlt werden, wenn sich insgesamt 50 000 Leute angemeldet haben. Ob diese Zahl bei der vor Monaten gestarteten Kampagne erreicht wird, ist aber mehr als fraglich. Vielleicht ist der Frust der Fans in Deutschland über die Kommerzialisierung dafür nicht groß genug. Hinzu kommt, dass es in anderen Ländern leichter ist, die Mehrheit an einem Klub zu übernehmen. In Deutschland wackelt derzeit die so genannte 50+1-Regelung, nach der Investoren nicht die Mehrheit an einem Klub übernehmen dürfen. Die gilt allerdings nur für den Profibereich. Doch selbst wenn sie fiele, hätten normale Fans auch zu Tausenden nicht genug Geld, um etwa einen Bundesligisten zu übernehmen. In unteren Ligen ist eine Machtübernahme durch Masseneintritte aber theoretisch möglich.

In vielen Ländern gibt es derzeit ähnliche Internetprojekte, beispielsweise in Brasilien, Italien, Russland oder den USA. Die meisten von ihnen wurden zu Beginn dieses Jahres gestartet, als langsam klar wurde, dass so etwas tatsächlich funktionieren kann. Denn es gibt ein großes Vorbild für alle, die es leid sind, nur noch als Konsument der Unterhaltungsware Fußball behandelt zu werden: Ebbsfleet United. In England kann man sich, wie es die großen Investoren in der Premier League vormachen, einen Fußballklub kaufen. 29 100 Fußballanhänger aus aller Welt haben 75 Prozent an dem englischen Fünftligisten Ebbsfleet übernommen, und das ambitionierte Projekt funktioniert besser, als es viele Skeptiker für möglich gehalten haben. Es handelt sich dabei aber auch nicht um ein paar Fans, die nach einer Kneipenidee eine Homepage gebastelt haben, sondern um ein von Anfang an von dem ehemaligen Journalisten Will Brooks professionell gemanagtes Unterfangen, dessen erste Einnahmen für Notare und Anwälte ausgegeben wurden.

Seit ein paar Wochen nun haben die Fans die Möglichkeit, im Internet über die Aufstellung des Teams für das nächste Spiel zu bestimmen. Entscheidungsgrundlage sollen bewegte Bilder von den Spielen sein; ein Teil des Geldes wurde in ein Fernsehübertragungssystem investiert. 35 englische Pfund (45 Euro) kostet die Mitgliedschaft pro Jahr. Bei den ersten Probeabstimmungen wich ihre Aufstellung nur in einer Position von der des Trainers Liam Daish ab, der sich bei Aufstellung und Taktik nach den Fans richten muss. Wie die anderen Klubverantwortlichen hat er sich von Anfang an positiv über die Idee der Übernahme des Klubs durch Fans geäußert, die es mit dem Verein eines Tages bis in die Premier League schaffen wollen.

Ebbsfleet entpuppt sich als gute Wahl für die Übernahme. In die östlich von London gelegene Region soll in den nächsten Jahren viel Geld für die wirtschaftliche Entwicklung investiert werden, in Fußweite des Stadions an der Stonebridge Road hält bereits der Hochgeschwindigkeitszug Eurostar, der London durch den Kanaltunnel mit Paris und Brüssel verbindet. Von Köln aus dauert die Reise viereinhalb Stunden, also nicht länger als zu vielen Auswärtsspielen in Deutschland. Eurostar gehört zu den Sponsoren des Klubs, per Abstimmung haben die Fans auch ein Angebot von Nike angenommen. Auch der Computerspielehersteller EA Sports, der Managerspiele anbietet, ist bei diesem realen Managerspiel als Sponsor dabei. In der vergangenen Woche hat Ebbsfleet ein „Trust Board“ gewählt, eine Art Aufsichtsrat, der die handelnden Personen im Klub genau kontrollieren soll. 104 Fans hatten sich und ihre Vorstellungen im Internet präsentiert, sieben wurden gewählt. „Die größte Hürde ist schon genommen, weil wir es innerhalb von zehn Monaten von einer Idee bis zur Übernahme geschafft haben“, sagt der Berliner Felix Ney, der sich auch zur Wahl gestellt hatte. „Jetzt kann es lebendig werden, jetzt müssen wir beweisen, dass wir den täglichen Herausforderungen gewachsen sind.“

Ney war schon drei Mal an der Stonebridge Road, um aus dem virtuellen Erlebnis auch ein reales zu machen. Wie andere auch: Ebbsfleets Zuschauerschnitt ist seit der Übernahme von 1100 auf 1300 gestiegen. Sportlich steht der Klub derzeit auf dem zehnten Tabellenplatz mit neun Punkten Rückstand auf Rang sechs, der zur Teilnahme an den Aufstiegs-Play-offs berechtigt. Doch auch wenn das nicht klappt, haben die neuen Besitzer Hoffnung auf ihren ersten Titel: Ebbsfleet steht im Finale des Pokalwettbewerbs FA Trophy gegen Torquay United. Das Endspiel ist am 10. Mai, im großen Wembley-Stadion.

www.myfootballclub.co.uk
www.klub-der-fans.de

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