Sport : Abgewatschter Held

Handball-Weltmeister Henning Fritz wird in Kiel vom Trainer attackiert und muss zurück auf die Bank

Frank Heike[Kiel]

Henning Fritz hat einen Medienmarathon hinter sich. Und mindestens einen Halbmarathon vor sich. Der erste Teil des langen Weges war schön – der Torwart der deutschen Handball-Nationalmannschaft wird seit dem Triumph im WM-Finale vor knapp zwei Wochen im Fernsehen hofiert und bei Parties umjubelt. Fritz genießt die ungewohnte Popularität; er kann sie auch deswegen genießen, weil er für Arbeitseinsätze im Trikot des THW Kiel noch etwa drei Wochen verletzt ausfällt. Doch wenn er zurückkehrt, wird er unbequemere Fragen als die beantworten müssen, wie es ist, mit Krone und Schnauzer ausstaffiert die Weltmeisterschaft zu feiern.

Die Fragen werden lauten: Herr Fritz, wie fühlen Sie sich als dritter Torwart beim THW? Wie ist es, im Allstar-Team der WM zu stehen, im Klub aber nur Ersatz zu sein? Und vor allem: Wie stellen Sie sich die weitere Zusammenarbeit mit einem Trainer vor, der sie in einem Interview scharf attackiert hat? Am Mittwoch hatte der Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic in der „Sport Bild“ erläutert, warum er Henning Fritz eine Halbserie lang auf die Bank gesetzt hat. „Ich habe einen ganz, ganz schlechten Mann aussortiert“, sagte Serdarusic. Dem widersprach Fritz: „Ich habe zu jeder Zeit versucht, alles Mögliche zu machen, um Leistung zu bringen.“ Er betonte, es gebe „keinen Konflikt“ mit Serdarusic.

Fritz steht beim THW noch bis 2009 unter Vertrag und macht keine Anstalten, den Verein zu verlassen. Es ist ja auch nicht so, als verbinde Serdarusic und Fritz eine tiefe Abneigung: Zusammen gewannen sie drei Meisterschaften. Bis Fritz’ rätselhaftes Tief im Sommer 2005 begann, führte kein Weg an ihm vorbei im THW-Tor. Doch zuletzt, als sich alle Welt fragte, warum der WM-Held nur die Kieler Nummer drei hinter Thierry Omeyer und Mattias Andersson ist, fühlte sich Serdarusic zunehmend in die Ecke gedrängt: „Ich bin derjenige, der den deutschen Helden ungerecht behandelt haben soll.“ Am Donnerstag versuchte sich Kiels Manager Uwe Schwenker dann als Schlichter. „Noka ist auch nur ein Mensch, er hat sich Luft verschafft.“ Schwenker hätte das Interview gern verhindert, doch der Trainer führte es an ihm vorbei. Der Wirbel kommt zu einer Zeit, da der THW in allen drei Wettbewerben in die entscheidende Phase eintritt. Schon fürchtet Serdarusic, die Unruhe könne Titel kosten. Auch Schwenker sieht die Gefahr und sagt: „Wir haben genug zu tun und sollten zum Tagesgeschäft übergehen.“

In Kiel kennt man die Argumente des erfolgreichsten deutschen Vereinstrainers seit langem; es ist bekannt dort, dass Fritz seit anderthalb Jahren kaum mehr ordentlich trainiert hat, dass er, wenn er spielte, eher schwach hielt und dem THW auf dem Weg zur Meisterschaft 2006 keine Stütze war. Er hatte seine Aggressivität verloren. Das sieht Fritz auch selbst so. Er spricht von Verletzungen, in Kiel spricht man von psychischen Schwierigkeiten des Torwarts. Fritz erschien Schwenker als Wackelkandidat. Deswegen verpflichtete der THW Thierry Omeyer im Sommer 2006 als neue Nummer eins.

Henning Fritz braucht viel Ruhe und ein ganz spezielles, auf ihn abgestimmtes Umfeld, um große Leistungen zu bringen: So eines findet er bei der Nationalmannschaft vor. Dort ist Fritz nach zahllosen grandiosen Partien der unumstrittene Star. Bundestrainer Heiner Brand gewährt seiner unangefochtenen Nummer eins viele Freiheiten. Fritz spürt das Vertrauen, das er in der zähen Tagesarbeit beim THW nicht bekommt, oder nur dann, wenn er Tag für Tag besser hält als Omeyer und Andersson. Das war zuletzt lange, lange nicht der Fall. Insofern ist die heftige Reaktion vor Serdarusic nicht ganz unverständlich. Für den Trainer gilt nur eines: das Leistungsprinzip. Also wird Henning Fritz wohl auch bei seinem ersten Spiel für den THW nach WM-Titel und Verletzung auf der Bank sitzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben