Sport : Abrüstung im Stadion

Markus Hesselmann

Ein Stock an die Stirn, ein Ellbogen an die Schläfe: Zunächst einmal fallen sowohl die Wurfattacke eines Kölner Fans auf den Hamburger Spieler Laas als auch die Tätlichkeit des Kölners Alpay gegen den Hamburger Demel in die Kategorie individuelle Vergehen, die auch individuell bestraft gehören. Beide Fälle aber haben auch mit einer umfassenderen Verantwortung zu tun, die über die direkt Beteiligten hinausweist. In deutschen Stadien hat sich ein ungesunder Trend hin zu dem breit gemacht, was sich vielleicht am besten als offiziell sanktionierter Fanatismus beschreiben lässt. Die Art, in der die Stadionsprecher inzwischen die Massen aufpeitschen, lässt für Fairness und Hochachtung vor dem Gegner wenig Raum. Keiner will eine Rückkehr zum Verlautbarungston der Marke: „Es folgt eine Information für die Damen und Herren von der Presse.“ Aber auf einer Atmosphärenskala zwischen Bahnhofsdurchsage und Boxbudenshow ist genügend Raum für eine stimmungs- und gleichzeitig maßvolle Moderation. Direkt daran schließt sich die Frage nach der Verantwortung der Spieler an. Müssen die Hamburger Fußballprofis in einer ohnehin schon aufgepeitschten Atmosphäre unbedingt in die Kölner Fankurve laufen, um ihren Treffer zu feiern – dazu noch mit provozierenden Gesten? Das entschuldigt keinen Trommelstockwerfer, dumm und unnötig ist es trotzdem.

Im Fall Alpay noch mit Begriffen wie Verantwortung und Vorbildfunktion zu arbeiten, fällt schwer. Gerade erst wurde die Beteiligung des Kölner Abwehrspielers an der Randale rund um das WM- Qualifikationsspiel der Türkei gegen die Schweiz für alle gut sichtbar in Medienbildern dokumentiert. Kurz darauf nun lässt sich Alpay zu einer derart brutalen Attacke hinreißen. Hier bleibt die Frage, warum der Verein nicht gleich nach den Vorfällen von Istanbul ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt und den Spieler erst einmal suspendiert hat, wie dies ja nun, nach dem neuerlichen Ausraster, geschah. Und warum die Fifa so viel Zeit braucht, um die auf den Fotos und Fernsehbildern von Istanbul eindeutig erkennbaren Treter und Schläger mit Sperren zu bestrafen, ist auch nicht nachvollziehbar. Einer der Grundsätze der Rechtsprechung ist die kürzestmögliche Zeitspanne zwischen Tat und Strafe. Hätte die Fifa diesen Grundsatz befolgt, wäre zumindest Guy Demel ein schmerzvoller Samstagnachmittag erspart geblieben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben