Sport : Abrupter Kurswechsel

Nicht der glamouröse Bernd Schuster, sondern der akribische Dieter Hecking wird Trainer in Wolfsburg.

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Emsig und eifrig. Dieter Hecking gilt als harter Arbeiter, kann aber schon mal laut werden, wenn es nicht läuft wie gewünscht.Foto: Nordphoto
Emsig und eifrig. Dieter Hecking gilt als harter Arbeiter, kann aber schon mal laut werden, wenn es nicht läuft wie...Foto: nordphoto

Bei dem Bemühen, ein erfolgreicherer und sympathischerer Fußballverein zu werden, nimmt der VfL Wolfsburg wenig Rücksicht auf die Konkurrenz in der Fußball-Bundesliga. Nach Geschäftsführer Klaus Allofs, der mitten in der Saison von Werder Bremen abgeworben wurde, bedienen sich die Niedersachsen jetzt auch beim 1. FC Nürnberg. „Wir haben uns geeinigt“, sagte Allofs, als er gestern die Verpflichtung von Dieter Hecking als Wolfsburger Cheftrainer verkündete. Man habe sich auf einen Vertrag bis 2016 verständigt, wolle den neuen Trainer aber „nicht vor den Weihnachtstagen präsentieren“, erklärte Allofs. Damit ist die angedachte Verpflichtung des früheren Nationalspielers Bernd Schuster hinfällig, der bis zuletzt als erster Kandidat für den vakanten Trainerposten in Wolfsburg gehandelt worden war.

Es wird dann doch ein nüchterner und konsequenter Arbeiter anstelle eines großen Namens mit illustrer Vergangenheit. Mit der Zurückstufung von Interimscoach Lorenz-Günther Köstner zum Amateurtrainer und dem Transfer von Hecking hat Allofs die erste echte Duftmarke an seiner neuen Wirkungsstelle gesetzt. Die Verhandlungen mit Schuster hatte er zuletzt zwar bestätigt, sich damit aber auch viel Ärger eingehandelt. Die Mehrheit der Fans und der örtlichen Medien in Wolfsburg meldete angesichts der Aussicht auf den teuren Schuster-Deal erheblichen Protest an. Mittlerweile dürfte klar sein, warum Allofs darauf nicht reagiert und tapfer geschwiegen hat. Es ist ihm in aller Stille und Verborgenheit gelungen, Hecking eine Perspektive aufzuzeigen, die ihn dazu gebracht hat, seine Zelte beim 1. FC Nürnberg vorzeitig abzubrechen. Dass eine sofortige Trennung ohne lange Verhandlungen mit den Nürnbergern möglich war, lässt den Schluss zu, dass Hecking in seinem bis 2014 laufenden Vertrag eine Ausstiegsklausel hatte. Aus Wolfsburg ist zu vernehmen, dass keinerlei Gespräche über eine Ablösesumme geführt werden mussten – die Höhe des Betrages dürfte ohnehin festgestanden haben.

Mit der Verpflichtung von Hecking gehen für die Profis des VfL Wolfsburg turbulente Wochen zu Ende. Der Entlassung von Felix Magath im Oktober waren die Hängepartie mit Köstner, der Amtsantritt von Allofs und das öffentliche Gerücht über die Schuster-Verpflichtung gefolgt. Die Mannschaft war am Donnerstagmorgen in dem Wissen in den Weihnachtsurlaub entlassen worden, dass sie in Kürze einen neuen Cheftrainer bekommt. Hecking tritt seinen neuen Job tatsächlich schon am 3. Januar an, wenn der Trainingsstart in Wolfsburg ansteht und der VfL-Tross einen Tag später ins türkische Belek aufbricht. Dort soll im Trainingslager eine Grundlage dafür gelegt werden, dass die im unteren Tabellenviertel feststeckende Mannschaft und der Verein endlich wieder zur Ruhe kommen.

Nürnbergs Sportvorstand Martin Bader muss sich nun über die Feiertage nach einem Nachfolger für Hecking umsehen, Bis zuletzt hatte er um den Verbleib des Trainers gekämpft. „Ich bin enttäuscht, dass wir das, was wir angefangen hatten, nicht weitermachen“, sagte er. „Wir werden nichts Schlechtes über ihn sagen. Aber ich kann keine Beweggründe nachvollziehen, wenn man vom 1. FC Nürnberg weggeht.“ Hecking gab „wirtschaftliche und familiäre Gründe“ für seinen plötzlichen Wechsel an. Seine Familie wohnt in Bad Nenndorf bei Hannover.

In Wolfsburg ist der Name Hecking jetzt mit der Aussicht auf Kontinuität verbunden. Die Entscheider bei der VfL Wolfsburg Fußball GmbH, deren Aufsichtsrat von Managern des Hauptsponsors Volkswagen dominiert wird, möchten eine grundlegende Kurskorrektur. Seit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2009 war der VfL Wolfsburg den Makel nicht mehr losgeworden, den Erfolg mit Hilfe von Geld und großen Namen erzwingen zu wollen.

In drei Jahren als Cheftrainer des 1. FC Nürnberg hat der 48-jährige Hecking solide Arbeit abgeliefert, die großen Respekt verdient. Immer wieder hatte sein Arbeitgeber die besten Spieler verkaufen müssen, so dass die Kärrnerarbeit des Trainers ständig aufs Neue begann. In Wolfsburg findet Hecking deutlich angenehmere Rahmenbedingungen vor. Und für Allofs, der sich gestern ohne weitere Erklärungen der Hecking-Verpflichtung in den Weihnachtsurlaub verabschiedete, kann der grundlegende Teil seiner Arbeit endlich beginnen. Der harte Kern der Wolfsburger Fans hatte sein Wirken wegen der Pläne um Schuster zuletzt massiv in Frage gestellt – und ihm damit ganz offensichtlich Unrecht getan. (mit dpa)

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