Abstieg : Hertha BSC: Das Ende ist nah

Seit Monaten kämpft Hertha BSC gegen den Abstieg, an diesem Wochenende könnte es auch rechnerisch vorbei sein.

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Die letzten Sonnenstrahlen. Noch genießt Hertha die Annehmlichkeiten eines Bundesligisten. Das könnte bald vorbei sein.
Die letzten Sonnenstrahlen. Noch genießt Hertha die Annehmlichkeiten eines Bundesligisten. Das könnte bald vorbei sein.Foto: ddp

Berlin - Am Donnerstag, um kurz vor eins, sieht es so aus, als hätte Hertha BSC doch noch zum letzten Mittel gegriffen, um im Abstiegskampf einen neuen Impuls zu setzen. In wenigen Minuten beginnt die Pressekonferenz zum Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen, da tritt Jürgen Röber mit Herthas Pressesprecher aus der Geschäftsstelle. Herr Röber, werden Sie neuer Trainer bei Hertha? Nein, nein, antwortet der frühere Coach der Berliner, er habe sich in der Geschäftsstelle nur seine Eintrittskarte fürs nächste Heimspiel abgeholt. Anstatt im Presseraum seine Rückkehr bekannt zu geben, steigt Röber also in sein Auto und fährt davon.

Dass es auch anders geht, hat gestern der VfL Bochum gezeigt. Zwei Spieltage vor dem Ende der Saison wurde Heiko Herrlich von seinen Aufgaben entbunden, ein neuer Trainer soll den Klub vor dem Abstieg retten; Hertha BSC hingegen, der Tabellenletzte der Fußball-Bundesliga, macht weiter wie bisher. Friedhelm Funkel bleibt im Amt, und vor allem bleibt er zuversichtlich: „Die Mannschaft ist nach wie vor in der Lage, das Spiel in Leverkusen zu gewinnen“, sagt er. „Auch die kleinste Möglichkeit kannst du nicht einfach verschenken. Deshalb wollen wir dieses Spiel gewinnen.“

Die ganze Wahrheit ist: Hertha muss dieses Spiel gewinnen – wenn die Chance auf die Rettung am Leben erhalten werden soll. Fünf Punkte beträgt der Rückstand auf den Relegationsplatz, sechs Punkte sind noch zu vergeben. „Wir wissen, dass das nun wirklich ein Endspiel ist“, sagt Manager Michael Preetz. Am vergangenen Wochenende bestand zum ersten Mal die Gefahr, dass Herthas Abstieg auch rechnerisch besiegelt werden könnte. Doch trotz der Niederlage gegen Schalke erhielten die Berliner dank der ebenfalls schwächelnden Konkurrenz einen weiteren Aufschub. Am Samstag bei Bayer benötigen sie nun auf jeden Fall einen Sieg (genauso wie eine Woche darauf zu Hause gegen Bayern München). Aber selbst bei einem Erfolg in Leverkusen kann am Samstagnachmittag um zwanzig nach fünf schon alles vorbei sein – wenn nämlich von den drei vor Hertha platzierten Mannschaften (Hannover, Bochum, Nürnberg) zwei ihre Begegnungen gewinnen oder Nürnberg (in Hamburg) siegt und Hannover (gegen Mönchengladbach) sowie Bochum (bei den Bayern) unentschieden spielen. Da Hannover am letzten Spieltag auf Bochum trifft, könnten die Berliner in diesem Fall höchstens noch eine der beiden Mannschaften überholen und bestenfalls vom letzten auf den vorletzten Tabellenplatz vorrücken. „Wir müssen in Leverkusen mit vollem Elan und vollem Risiko spielen“, sagt Pal Dardai. „Aber du hast es nicht mehr selbst in der Hand.“

Herthas langsames Sterben geht an diesem Wochenende in die nächste, in die vielleicht entscheidende Runde. Und auch wenn die Fans bis zuletzt, gegen jede Erfahrung und wider alle Vernunft, immer noch auf die Rettung ihres Klubs hoffen – eine endgültige Entscheidung hätte wohl auch etwas Erlösendes. Die Stimmungsschwankungen der vergangenen Wochen trugen fast manisch-depressive Züge, manchmal konnte man sogar den Eindruck gewinnen, das Schicksal treibe ein besonders hässliches Spiel mit Hertha BSC. Jeder Sieg befeuerte die irrationale Hoffnung auf die nicht mehr für möglich gehaltene Wende, aber das nur um die Enttäuschung nach der nächsten Niederlage umso schmerzhafter ausfallen zu lassen.

Auch die Spieler waren hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit, genauso die Führungskräfte an der Seitenlinie. „Es ist doch klar, dass wir mit der Mannschaft mitfiebern, auch mitleiden“, sagt Michael Preetz, dessen erstes Jahr als alleinverantwortlicher Manager vermutlich mit dem Abstieg aus der Bundesliga enden wird. Vor 13 Jahren ist Preetz mit Hertha aufgestiegen, seine beste Zeit als Fußballer hat er in Berlin erlebt, und dass ihn die Rückkehr in die Zweitklassigkeit viel mehr belasten würde als die meisten Spieler, hat seine Reaktion nach der vermeintlich vorentscheidenden Niederlage gegen Nürnberg gezeigt. Als alles vorbei schien, brach Michael Preetz in Tränen aus.

So cool, wie er sich gerne geben würde, ist der Manager in diesen Tagen ganz sicher nicht, anders als Friedhelm Funkel, dessen Gelassenheit wohl tatsächlich nicht gespielt ist. „Ich habe da überhaupt keine Probleme mit“, sagt er über das ständige Auf und Ab in dieser Saison. „Da ich ein positiv denkender Mensch bin, macht mir das nicht so viel aus.“

Deshalb glaubt Funkel auch weiterhin unbeirrt an den Klassenerhalt. Und es gibt wohl tatsächlich etwas, das für Herthas Rettung spricht: Wer es zwei Spieltage vor Schluss mit gerade 23 Punkten immer noch nicht geschafft hat abzusteigen, wird es vermutlich nie mehr schaffen.

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