Abstiegs-Protokoll : So lief der spannende Kampf um den Klassenerhalt

Drei Mannschaften, ein Ziel: Klassenerhalt. So haben unsere Reporter die wichtigste Entscheidung des letzten Bundesliga-Spieltages miterlebt.

von , und Ron Ulrich
Schrei, wenn du kannst. Felix Magath und Wolfsburg retten sich.
Schrei, wenn du kannst. Felix Magath und Wolfsburg retten sich.Foto: dapd

Drei Mannschaften, ein Ziel: Klassenerhalt. So haben unsere Reporter die wichtigste Entscheidung des letzten Bundesliga-Spieltages miterlebt.

13.55 Uhr, Dortmund. Der Mannschaftsbus der Eintracht trifft ein. Die Spieler sehen aus, als würden sie zu ihrer Hinrichtung geschickt. Vorstandschef Heribert Bruchhagen bleibt als Einziger noch etwas länger vor dem Eingang stehen – mit Kaffee und Zigarette. Er ist der einzige Frankfurter, der etwas lächelt.

15.24 Uhr, Sinsheim. Die Spieler des VfL Wolfsburg bilden vor dem Anpfiff einen Kreis. Es ist der Versuch, Geschlossenheit zu demonstrieren. Doch einer fehlt. Diego hat am Mittag bei der Abschlussbesprechung den Raum verlassen, als er erfahren hatte, dass ihn Trainer Felix Magath nicht aufstellt. Seitdem ist er verschwunden. Magath sagt über Diegos Zukunft: „Das wird eine rechtliche Frage sein, dieses Problemchen verschiebe ich auf später.“

15.28 Uhr Dortmund: 26 Fotografen haben sich vor Eintracht-Trainer Christoph Daum versammelt. Die Frankfurter Fans entrollen ein Plakat: „brothers in crime – ehrliche Menschen leben gefährlich“. Vor ihrem Block stehen dreimal so viele Ordner wie üblich bei BVB-Heimspielen.

15.40 Uhr, Hamburg. Eine neue Situation: Wochenlang sind die Gladbacher der Musik hinterhergelaufen, jetzt haben sie erstmals etwas zu verlieren. Von weichen Knien ist aber nichts zu sehen, die Borussen spielen mutig nach vorne, die erste gute Chance aber haben die Hamburger. Elia verfehlt knapp das Tor.

15.41 Uhr, Dortmund. Nach einem Foul von Köhler an Blaszczykowski pfeift Schiedsrichter Gagelmann Elfmeter für Dortmund. Die Fans singen: „Zweite Liga – Frankfurt ist dabei“. Nach einer Behandlungspause führt Barrios den Strafstoß aus – und scheitert an Keeper Fährmann.

16.13 Uhr, Hamburg. Tor in Hamburg: Arangooooool! Juan Arango zirkelt einen Freistoß aus 25 Metern über die Mauer ins linke, untere Eck. Frank Rost ist noch mit der Hand am Ball, ist aber chancenlos. 1:0 für Mönchengladbach. In der Südwest-Ecke der Arena tobt der Mob. Gladbach springt auf Platz 15, wäre direkt gerettet, wenn alles so bleibt.

16:14 Uhr, Sinsheim. Als die Gladbacher Führung bekannt wird, bricht lauter Jubel aus. „Zweite Liga, Wolfsburg ist dabei“, skandieren die Hoffenheimer Fans voller Hohn für ihren Gast, der plötzlich auf dem Relegationsplatz steht.

16.15 Uhr, Dortmund. Auf der Anzeigetafel wird Gladbachs Führung verkündet, einige Frankfurter schlagen die Hände über den Kopf. Dortmunds Zuschauer wedeln mit Taschentüchern gen Gästeblock und rufen: „Absteiger“. Der Schockzustand der Frankfurter Fans währt einige Minuten, dann starten zaghafte Anfeuerungsrufe im Fanblock.

Drei für ein Ziel. Gladbach schafft es immerhin auf den Relegationsplatz 16.
Drei für ein Ziel. Gladbach schafft es immerhin auf den Relegationsplatz 16.Foto: dpa

16.32 Uhr, Hamburg. Die Mannschaften sind zurück. Gladbachs Trainer Lucien Favre kommt mit Hamburgs Verteidiger Gojko Kacar aufs Feld. Ein kleiner Plausch unter alten Berliner Bekannten. Oder doch der Versuch, den Gegner noch ein bisschen einzulullen?

16.36 Uhr, Sinsheim. Wolfsburgs Torwart Diego Benaglio zuckt ratlos mit den Schultern. Soeben ist der Ball an ihm vorbeigekullert. Der Brasilianer Roberto Firminio erzielt das 1:0 für Hoffenheim. Das Tor sorgt dafür, dass Trainer Magath sich nicht mehr setzen möchte.

16.37 Uhr, Hamburg. Es gibt Ecke für den HSV – und in der Gladbacher Fankurve wird gejubelt. Es hat nur ein paar Sekunden gedauert, bis sich das Tor der Hoffenheimer herumgesprochen hat.

16.38 Uhr, Dortmund. Gerade verbreitet sich die Meldung von der Führung Hoffenheims, da trifft die Eintracht durch Rode zum 1:0. Die knapp 8000 Frankfurter Fans jubeln, dann werden Feuerwerkskörper im Gästeblock gezündet. Einige halten ein Transparent hoch: „Deutscher Randalemeister 2011“, daneben ragt eine Meisterschale. Das Spiel muss unterbrochen werden, Ersatzspieler Amanatidis spurtet zum Gästeblock, und schreit die Anhänger an.

16.40 Uhr, Sinsheim. Die Frankfurter Führung wird bekannt, die Beine der VfL-Profis werden schwerer, sie wissen: Sie liegen plötzlich auf Platz 17 und sind in diesem Moment direkt abgestiegen.

16.47 Uhr, Sinsheim. Der eingewechselte Wolfsburger Cicero betätigt sich als Spielmacher. Seinen Pass verwandelt Mario Mandzukic zum 1:1 für Wolfsburg. Magath jubelt so ausgelassen, als habe er soeben die Champions League gewonnen. Dabei ändert dieser Treffer nichts am Abstiegsplatz für Wolfsburg.

16.58 Uhr, Dortmund. Aber dieser Treffer! Barrios schießt aus neun Metern, Fährmann kann den Ball nicht festhalten – 1:1. Frankfurt rutscht auf den Abstiegsplatz. Frankfurts Spieler senken die Köpfe und stützen die Hände in die Hüften, nur Ochs versucht seine Mitspieler anzufeuern.

16.58 Uhr, Hamburg. Sekunden nach dem Tor von Barrios fällt in Hamburg der Ausgleich durch Ben-Hatira – vorbereitet von van Nistelrooy, der den Ball über Torhüter ter Stegen hinweggelupft hat. Gladbach rutscht auf den Relegationsplatz zurück. Können die Gladbacher noch einmal in den Sturm-Modus umschalten? Favre bringt Igor de Camargo für Hanke.

16.59 Uhr, Sinsheim. Mandzukic erzielt Wolfsburgs 2:1 und untermauert damit die neue Blitztabelle, in der die Niedersachsen gerettet sind. Das wissen auch die Spieler, zumal Sekunden später in Sinsheim auch der Ausgleich des HSV gegen Gladbach bekannt gegeben wird.

So sieht Bestürzung aus. Frankfurts Spieler trauerten nach der Niederlage in Dortmund.
So sieht Bestürzung aus. Frankfurts Spieler trauerten nach der Niederlage in Dortmund.Foto: Reuters

17.02 Uhr, Dortmund. Christoph Daum rudert wild mit den Armen, will seine Spieler in die Defensive treiben. Doch es ist zu spät: Fährmann kann zunächst noch abwehren, aber Lewandowski bringt den Ball zum 2:1 für Dortmund über die Linie und Frankfurt dem Abstieg ganz nahe.

17.05 Uhr, Sinsheim. Ein Mann strahlt. Riether, als Rechtsfuß in der zweiten Halbzeit auch im linken Mittelfeld eingesetzt, bereitet das 3:1 für Wolfsburg durch Grafit vor. In der VfL-Fankurve blühen alle wieder auf. Zwischenzeitlich war Wolfsburg abgestiegen – und bleibt nun doch in der Liga. „Ich habe so etwas noch nie mitgemacht“, sagt Magath, „dramatischer hätte es kaum kommen können, ich bin erleichtert und leer.“

17.06 Uhr, Hamburg. Die Fans der Gladbacher wissen jetzt, dass mehr als der Relegationsplatz nicht drin ist. Aber sie wissen auch, dass darüber weniger ihre eigene Mannschaft entscheidet – sondern nur Borussia Dortmund. Den Gladbachern schlottern arg die Knie.

17.11 Uhr, Dortmund. Titsch-Rivero stoppt Schmelzer unfair im Strafraum und sieht die Rote Karte. Den Elfmeter verschießt Dede. Mit zehn Mann ist für Eintracht die Hoffnung verflogen. Einige Fans kauern auf dem Boden. Sie wissen, dass sie abgestiegen sind.

17.20 Uhr, Hamburg. Es ist vorbei. Favre schlägt erleichtert die Hände vors Gesicht. „Es war unglaublich heute“, sagte er. Die Gladbacher Fans singen und freuen sich auf die Relegationsspiele gegen den VfL Bochum oder Greuther Fürth.

17.20 Uhr Dortmund. Lewandowski flankt auf Barrios, der das 3:1 köpft. Schiedsrichter Gagelmann pfeift ab, Frankfurt ist abgestiegen. Christoph Daum, der Mann für die große Bühne, beendet sein Intermezzo bei Eintracht Frankfurt im größten Fußballstadion Deutschlands – mit dem Abstieg. „Ich bin natürlich enttäuscht“, sagt er, „aber aus meiner Sicht habe ich alles versucht.“ Frankfurts Fans sind verstummt, die meisten Spieler in den Katakomben verschwunden, nur drei Spieler bleiben auf dem Rasen.

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