Sport : Absturz der deutschen Elite

Jürgen Roos

Cheftrainer Rainer Hanschke und die deutschen Kunstturner waren nicht zu beneiden: Da saßen sie auf den grün gepolsterten Klappstühlen im Tianjin Gymnasium und mussten tatenlos mit ansehen, wie ihnen die grauen Herren aus Weißrussland Stück für Stück ihrer Hoffnungen stahlen. Bei der Turn-WM im chinesischen Tianjin war schon nach dem achten von neun Durchgängen der Mannschafts-Qualifikation klar, dass das Finale der besten sechs Riegen ohne deutsche Beteiligung stattfinden würde. Die mitfavorisierten Weißrussen ließen als Dritte die Riege des Deutschen Turnerbundes (DTB) weit hinter sich, am Ende fehlten Andreas Wecker und Co. auf dem achten Platz dreieinhalb Zehntelspunkte auf die sechstplatzierte USA.

Die Wertungen, was sonst? Deutschland hatte im zweiten Durchgang trotz des Ausfalls von Sergej Charkov eine ordentliche Punktzahl vorgelegt, gestern stieg das Wertungsniveau dann allerdings dermaßen, dass sogar die nominell schwächeren US-Amerikaner vorbeizogen. Die deutschen Turner verließen fluchtartig die Halle und dem Trainer blieb nur ein ratloses Schulterzucken. "Turnen ist eben eine subjektive Sportart", sagte Hanschke. Die Erkenntnis war nicht neu, aber erneut frustrierend.

DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam, der erst gestern die verpasste Olympia-Qualifikation der Frauen erklären musste, reagierte trotzig: "Ich bleibe dabei: Unsere Turner haben hier eine Weltklasse-Leistung gezeigt." Für den Cheftrainer war das frühe WM-Aus trotzdem kein entscheidender Rückschlag auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. "Wir sind jetzt gut damit beraten zu überlegen, wo wir zulegen müssen", sagte Hanschke, der am Boden und beim Pferdsprung noch Schwächen erkannt hatte. Am Ende wurde deutlich, dass der Ausfall des eingebürgerten Russen Charkov (Bauchmuskelfaserriss) doch nicht so leicht auszugleichen war. Allein der Name des Olympiasiegers wäre bei den wankelmütigen Kampfrichtern wohl für die entscheidenden Zehntel gut gewesen.

Weil die Mannschaft ihren zweiten Auftritt verpasste, blieb neben Pauschenpferd-Finalist Valeri Belenki wieder einmal nur der Berliner Andreas Wecker übrig, der mit dieser WM bis jetzt zufrieden sein kann. Mit seinem internationalen Comeback, dem Erreichen des Mehrkampf- und Pauschenpferd-Finales setzte der 29-Jährige eine weitere Marke in seiner Karriere. Als Wecker am Sonntag in die 10 000 Zuschauer fassende Arena einlief, fuhren seine Gefühle Achterbahn. "Ein geiles Gefühl", sagte er. Die Halle, die wie ein riesiger Diskus mitten in der 9,6-Millionen-Stadt Tianjin liegt. Das bläulich-grelle Licht. Die Geräte hoch oben auf einem Podium. Die vielen Zuschauer. In China merkte der Berliner, was ihm so lange gefehlt hat. "Es ist dieser Adrenalinstoß, den ich weder in der Bundesliga noch bei internationalen Turnieren gespürt habe", sagte Wecker. Das WM-Aus der deutschen Riege machte ihn trotzdem traurig. "Es war so schön, wieder zurück zu kommen."

Als hoher Favorit geht WM-Gastgeber China in das Mannschaftsfinale. Der Titelverteidiger hatte am Sonntag mit 230,546 Punkten ein Weltklassergebnis erturnt und damit die Konkurrenz distanziert. Den Asiaten noch am nächsten kamen Russland (227,083) sowie Weißrussland (226,557). Bei der Medaillenentscheidung beginnen alle sechs Riegen wieder bei null Punkten.

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