Sport : Abwarten und Bier trinken

Elber rät den verunsicherten Bayern zu mehr Gelassenheit

Daniel Pontzen

München. Niemand ist ernsthaft vom Gegenteil ausgegangen, doch Jens Jeremies schaffte Gewissheit. Mit verlässlichem Blick bezeugte er, all seine Kollegen seien entgegen Oliver Kahns raubauzigem Wortbeitrag, wonach es den Kameraden an „Eiern“ fehle, mit den üblichen Körpermerkmalen seines Geschlechts ausgestattet. Kahn „hat gemeint, wir müssten mit mehr Herz spielen“, sagte der Sachse und lieferte damit eine Begründung, die allenfalls peniblen Freunden der Anatomie schwer nachvollziehbar erscheinen mag. Trainer Ottmar Hitzfeld ortete das Hauptproblem nach zuletzt wenig überzeugenden Auftritten dagegen in den Köpfen der Angestellten. Er hätte gern „mehr Typen auf dem Platz als Spieler, die viel zu viel mit sich selbst beschäftigt sind“. Ausgerechnet in der wegweisenden Phase der Saison und dem brisanten Champions-League-Duell mit Giovane Elbers Klub Olympique Lyon (20.45 Uhr, live auf Sat. 1) plagen sich die Bayern mit einem unbekannten Krankheitsbild: Mangel an Selbstbewusstsein.

Der vorläufige Verlust der genuin FC-bayerischen Eigenschaft kommt denkbar ungelegen. Gegen den Französischen Meister muss ein Sieg her, um die gute Ausgangsposition zu festigen, und schon am Sonntag gastiert Borussia Dortmund im Olympiastadion. „Knackspiele“ nennt Hitzfeld diese Aufgaben, und die Schwierigkeit sieht er darin, dass sein Team bislang keine Knackspiele gewonnen habe: „Uns fehlt ein großes Erfolgserlebnis“. Bei den bisherigen wichtigen Vergleichen, etwa mit Lyon, Leverkusen oder Wolfsburg, habe jeweils ein kleines Stück gefehlt. „Das zermürbt natürlich“, sagte Hitzfeld in der Sendung Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen, in der auch Jeremies und Elber die Lage der Bayern analysierten.

Jeremies lokalisierte „unser Grundproblem“ ebenfalls auf mentaler Ebene: „Wenn man etwas erreichen will, muss man dafür kämpfen. Wir haben bisher gedacht, wir könnten mit spielerischen Mitteln zum Erfolg kommen.“ Vielleicht liege es auch daran, „dass wir zu viel Potenzial haben, sodass wir denken, es geht von alleine“. Gegen Lyon steht weniger Potenzial zur Verfügung: Sebastian Deisler fehlt wegen einer Oberschenkelverhärtung – solange eine nächtliche „Wunderheilung“ (Hitzfeld) ausbleibt.

Vermutlich wäre in der derzeitigen Situation Giovane Elber hilfreich, der sich bei den Bayern in seiner Zweitprofession als Spaßvogel gerne und oft um gute Laune bemühte. Obwohl er nun für den Gegner aufläuft, warb der Brasilianer vor seiner Rückkehr in gewohnheitstreuem Duktus um Geduld für die Bayern: „Wir hatten früher oft solche Situationen, vor zwei Jahren haben wir sogar 1:5 in Schalke verloren.“ Man dürfe nun keinesfalls verkrampfen, rät Elber, müsse sich stattdessen „zusammensetzen, Weißwürste essen und Bier trinken“. Und fast so, als wolle er dem Gegner Mut machen, ergänzte Elber: „Wenn die Bayern unter Druck stehen, spielen sie am besten.“ Vielleicht greift diese Gesetzmäßigkeit auch bei Claudio Pizarro, der am Wochenende noch als Unruhestifter galt, weil er als Nörgler des auf Roy Makaay abgestimmten Spielsystems zitiert worden war. Hitzfeld hatte sich das Interview noch einmal angehört, es als harmlos eingeordnet und mit humorlosem Lächeln versichert, andernfalls „hätten wir ihm sicher auch eine Geldstrafe gegeben“.

Oliver Kahn ist längst die Lust auf verbale Nebenbeschäftigungen vergangen: „Wir sind kein Debattierklub, wir sind eine Fußballmannschaft“, sagte er vor dem Abschlusstraining. „In den letzten Jahren hat uns die Willenskraft ausgezeichnet. Da müssen wir wieder hinkommen." Elber rät – des therapeutischen Effekts wegen –, sich dabei noch „ein bisschen Zeit zu lassen. Es ist noch schöner, wenn man gegen Dortmund gewinnt“.

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