Sport : Aggressive Genialität

Das deutsche Tennisdoppel Kiefer/Schüttler spielt heute um Gold

Benedikt Voigt[Athen]

Vor dem ersten Matchball erfuhr Nicolas Kiefer, dass Begeisterung richtig wehtun kann. So schwungvoll hatte sich der deutsche Tennisprofi umgedreht, um mit Rainer Schüttler den letzten Punkt zu feiern, dass er beinahe mit dem rechten Fuß umgeknickt wäre. Später staunte Kiefer über seine eigenen Emotionen. „Ich werde hier zum olympischen Tier.“

Noch ein paar Millimeter weiter und Nicolas Kiefer hätte sich mit einer Bänderverletzung um die Chance gebracht, heute bei den Olympischen Spielen eine Goldmedaille im Tennisdoppel zu gewinnen. Die beiden Deutschen spielen im Finale gegen das chilenische Duo Fernando Gonzalez und Nicolas Massu. Die Silbermedaille hat das deutsche Doppel nach dem 6:2, 6:3 vom Donnerstagabend über die Inder Mahesh Bhupathi und Leander Paes bereits sicher. „Ich war so aggressiv“, sagte Kiefer staunend, „ich wollte mit aller Kraft eine Medaille.“

Im Einzel ist Kiefer in der dritten Runde ausgeschieden, Schüttler gar in der ersten Runde. Doch als Doppel treten die beiden stärker auf. „Wir haben heute geniales Tennis gespielt“, lobte sich Schüttler selber. In 66 Minuten hatten sie das favorisierte indische Paar bezwungen. Kiefer zog besondere Befriedigung daraus, gegen Paes gewonnen zu haben, der ihm im ersten Satz den Ball mit voller Wucht auf den Rücken gedroschen hatte. „Es gab eine Reizfigur auf dem Platz“, sagte Kiefer, „aber manchmal brauche ich das.“

Das olympische Tennisturnier ist bisher von Überraschungen geprägt. Die beiden Chilenen, die das Doppelfinale spielen, haben im Einzel überraschend das Halbfinale erreicht. Die Weltranglistenersten Roger Federer und Andy Roddick hingegen schieden frühzeitig aus. „Man fühlt hier stärkeren Druck, weil man nicht nur für sich, sondern für sein Land spielt“, sagte Roddick. Andre Agassi und Lleyton Hewitt blieben dem Turnier sogar fern, um sich auf die US Open vorzubereiten. Dennoch glaubt Schüttler, dass der Wert des Olympischen Turniers hoch ist für die Profis, die ihr Geld auf der ATP-Tour verdienen. „Das Teilnehmerfeld spricht für sich.“ Der 28-Jährige jedenfalls ging sehr motiviert in Athen auf den Platz. „In vier Jahren kann ich 16 Grand Slams spielen, aber ich kann nur einmal eine olympische Goldmedaille gewinnen.“

Das aktuelle Daviscupduo führt in Athen eine lange deutsche Tradition bei Olympischen Spielen fort. Bereits 1896 holte das deutsche Team eine Medaille im Tennisdoppel. Damals reiste der Dresdner Student Friedrich Adolph Traun als 800-Meter-Läufer zu den ersten Spielen der Neuzeit – und kehrte als Olympiasieger im Tennis zurück. Er hatte einen Tennisschläger dabei gehabt und mit einem Iren das olympische Turnier gewonnen. 1992 gewannen Michael Stich und Boris Becker in Barcelona die Goldmedaille, vier Jahre später holten Marc-Kevin Goellner und David Prinosil die Bronzemedaille. Seit 1988 haben die deutschen Tennisspieler bei allen Spielen mindestens eine Medaille gewonnen.

Die Frage ist nur, welche es in Athen sein wird. „Wenn wir so spielen wie heute, sind wir nur schwer zu schlagen“, sagte Kiefer. Der 27-Jährige freute sich am meisten über seinen Erfolg. „Es war mein Kindheitstraum, bei Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen.“ Er ist sogar froh, dass er sie nicht im Einzel gewonnen hat. „Dann muss man allein feiern, das ist doch auch blöd.“

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