Sport : Akten stemmen

Rebecca Weiß sitzt an einem Fitnessgerät und macht leichte Kraftübungen für das Foto. "So haben sich das die meisten vorgestellt", sagt Kathrin Henschel, eine von zwei Inhaberinnen des Frauen-Fitnessstudios "balance" in Marzahn. Damit meint sie aber nicht ihre Kundinnen, die nebenan kräftig in die Pedale treten, sondern die zahlreichen Bewerber für den neuen Ausbildungsberuf zum Sport- und Fitnesskaufmann.

Selbst Muskeln aufbauen oder den Bauch straffen? Von wegen. Zumindest nicht während der Arbeitszeit. Und direkt danach hat Rebecca Weiß zum Training keine Lust, denn dann "bin ich ziemlich fertig", sagt sie. Seit September vergangenen Jahres macht sie diese Ausbildung schon. Doch während der drei Tage, die sie pro Woche im Studio arbeitet, kann sie nichts für ihre Fitness tun. Der allergrößte Teil der Ausbildung "ist nicht im sportlichen Bereich angesiedelt", erklärt Ausbilderin Henschel, "sondern im kaufmännischen". Dafür musste die gelernte Diplom-Sportlehrerin zuvor auf die Schulbank und eine Ausbildereignungsprüfung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ablegen. Ein Fitnesstudio betreiben darf zwar jeder, ausbilden dagegen nicht. Für Rebecca Weiß ist vor allem klassische Büroarbeit und Buchhaltung angesagt. "Es ist aber trotzdem abwechslungsreich", findet die 21-Jährige. Sie darf schließlich auch Kundinnen betreuen und ab und zu hinter dem Tresen stehen.

Die Initiative für den Sport- und Fitnesskaufmann ging vom Deutschen Sportstudio-Verband aus. "Seit mehreren Jahren haben wir bereits ein neues Berufsbild gefordert", sagt die Sprecherin des Arbeitgeberverbandes, Birgit Schwarze. Der Beruf solle sich an die speziellen Anforderungen der stetig wachsenden Branche richten. Zusammen mit der IHK wurde dann ein Rahmenplan für die Ausbildung erarbeitet. Davon profitieren aber nicht nur die kommerziellen Studios allein, sondern auch Vereine, Verbände sowie Sportverwaltungen. Für Mories Kutschke beispielsweise ist das optimal. Der 20-Jährige macht seine Ausbildung bei den Wasserfreunden Spandau 04, bei denen er auch in der Wasserball-Bundesliga spielt. Kutschke wechselte erst in dieser Saison vom abstiegsbedrohten Ligakonkurrenten SG Neukölln zum Titelaspiranten aus Spandau. "Da habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen", sagt der Nachwuchsspieler zufrieden. Jetzt kann er Training und Berufsausbildung gut verbinden.

In Berlin gibt es derzeit zwei Berufsschulklassen für die Absolventen. Beide haben mit 30 Azubis begonnen. Die Schwierigkeiten sind in beiden Klassen gleich. Bisher existieren weder ausgearbeitete Konzepte noch Lehrbücher oder Vorlagen für die Lehrer. Rebecca Weiß hat das Gefühl, als sei sie in einer "Versuchsklasse". Und Kutschke sagt: "Die Lehrer haben noch gar keine richtige Vorstellung, was sie lehren sollen." Trotz allem findet er den Beruf sehr interessant, die Stimmung in der Klasse sei gut. Auch wenn bereits fünf Auszubildende abgesprungen sind. In der Sportstudioklasse sind es sogar sechs. Das liegt zumindest in der Klasse von Kutschke auch am Lohn. Denn der ist unter den Auszubildenden nicht einheitlich.

Der Bruttoverdienst schwankt im ersten Lehrjahr zwischen 250 und 500 Euro - je nach Ost- und Westtarif, nach den individuellen Ausbildungsverträgen in den Sportstudios und nach der Größe der Vereine. Denn die kleineren Sportklubs müssen durch eine Trägergesellschaft über Bundesmittel finanziell unterstützt werden. Sonst könnten sie sich gar keine Auszubildenden leisten.

Ob es einen zweiten Jahrgang zum Sport- und Fitnesskaufmann in Berlin geben wird, hängt bei den kleineren Vereinen auch von eben dieser Bundesförderung ab. Die kommerziellen Sportstudios können sich die Ausbildung dagegen locker leisten. Das Interesse ist ungebrochen. Im vergangenen Jahr bewarben sich 170 junge Menschen in den Arbeitsämtern um eine Aubildungsstelle. JÖRG PETRASCH

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