Alba Berlin : Psychotricks in Peking

Die Saisonvorbereitung in China will Albas neuer Trainer Gordon Herbert dazu nutzen, seine Basketballer zusammenzuschweißen - mit einigen äußerst ungewöhnlichen Methoden.

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Beim Zähneputzen entdeckt. Gordon Herbert erklärt, er wisse nicht, woher sein blaues Auge kommt.
Beim Zähneputzen entdeckt. Gordon Herbert erklärt, er wisse nicht, woher sein blaues Auge kommt.Foto: camera4

Gordon Herbert macht dieser Tage einige interessante Entdeckungen. Zurzeit läuft der neue Trainer der Basketballer von Alba Berlin mit einem blauen Auge herum. Doch die dunkle Verfärbung unter dem linken Auge ist weder auf ein abendliches Missverständnis in einer Gaststätte noch auf häusliche Gewalt zurückzuführen. „Keine Frau, keine Freundin, kein Kampf. Ich bin einfach aufgewacht und dann sah ich es beim Zähneputzen im Spiegel“, berichtet der 52-Jährige. Vorausgesetzt, dass sich keiner der im Sommer aussortierten Spieler nachts heimlich mit gezückter Faust in die Trainerwohnung geschlichen hat, eine äußert rätselhafte Erscheinung. „Das zweite Auge beginnt sich auch zu verfärben, aber es wird schon nichts Schlimmes sein“, so der Kanadier optimistisch.

Ohnehin sind es fortan die Spieler, die auf Entdeckungsreise gehen werden. Zunächst einmal rein physisch. Am heutigen Mittwochabend fliegt das Team mit elf Spielern (die Nachwuchsspieler Alexander Blessig, Can-Jonathan Kleiner und Kevin Bright ersetzen die abwesenden Nationalspieler Lucca Staiger, Heiko Schaffartzik und Sven Schultze) zur Saisonvorbereitung nach China. In Peking, wo Alba im Olympischen Dorf untergebracht ist, wird zunächst eine Woche trainiert. Dann gibt es ein Turnier mit so hochkarätigen Gegnern wie den Kentucky Bisons aus den USA, den Dongbu Promy aus Korea oder den Beijing Jinyu Ducks aus China. „Ich kenne die gar nicht“, sagt Herbert, während er zur Einstimmung eine Tasse grünen Tees schlürft. Natürlich ist die Reise eine Werbetour für den Namenssponsor der Berliner. Doch Herbert stellt klar, dass es für ihn vor allem ums Teambuilding geht. „Das wird eine kulturelle Erfahrung, die Spieler sollen sich auch Peking ansehen“, sagt Herbert. So ist zum Beispiel ein Besuch der Chinesischen Mauer eingeplant. Schon mit den Frankfurt Skyliners, bei denen er bis zum Sommer Trainer war, ging Herbert Klettern und Kanufahren, um die Spieler zusammenzuschweißen, „ich baue immer Aufgaben ein, bei denen sie einander vertrauen müssen“.

In China beginnt neben der physischen auch die psychische Entdeckungsreise für die Spieler. Denn Herbert, der einen Master-Abschluss in Psychologie hat, will die Spieler „körperlich, technisch und mental weiterentwickeln“. Vor allem der dritte Teil ist neu bei Alba. „Sein Unterbewusstsein einzusetzen ist eine Fähigkeit, die man trainieren kann, wie einen Ball zu werfen“, ist Herbert überzeugt. So setzt der grauhaarige Coach auf Mentaltrainer als Trainingsbesucher und bisweilen auch auf Aberglauben – in der Halbfinalserie im Juni gegen Alba, als jeweils nur die Auswärtsmannschaft gewann, bezog Herbert mit seinen Frankfurtern ein Hotel in der eigenen Stadt, um ein Auswärtsgefühl zu erzeugen.

„Er arbeitet mit jedem Spieler individuell an dem, was er mental braucht“, schwärmt DaShaun Wood, der seinem Mentor aus Frankfurt nach Berlin folgte. Der Spielmacher hatte vergangene Saison Probleme mit den Buh-Rufen der Zuschauer bei Auswärtsspielen, wurde zu emotional und verlor die Konzentration. Also ließ ihn Herbert über einen Schwebebalken balancieren, während seine Mitspieler ihn ausbuhten. Auch Broschüren, Booklets und Bücher teilt Herbert gerne aus. „Er ist in dieser Beziehung ein sehr amerikanischer Coach“, sagt Wood. Bei den US-Spielern könnte diese Art von Psycho-Offensive ankommen. „Aber so etwas gefällt nicht jedem, da muss man aufpassen“, sagt Herbert. Beim falschen Spieler kann man sich mit solchen Maßnahmen schnell ein blaues Auge holen.

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