Alba-Trainer Obradovic im Interview : „Wütende Spieler leisten Fantastisches“

Alba Berlins Trainer Sasa Obradovic vor dem Play-off-Start am Samstag gegen Bayern München über Härte, Kampfgeist und serbische Schimpfwörter.

Herr Obradovic, Sie gelten als harter Trainer. Sind Sie das?

Mein Job ist es, die Spieler über Grenzen zu treiben. Ich muss nicht ihr Freund sein, da sollte eine gewisse Distanz da sein. Wenn du Erfolg willst, musst du bei mir auch hart arbeiten.

Was erwarten Sie von Ihren Spielern?

Ich möchte, dass sie aggressiv sind und harten Basketball spielen. Aggressivität kann man trainieren, durch Intensität.

Und wenn im Training Aggressivität fehlt?

Dann gibt es Streit, dann schreie ich natürlich auch mal.

Werfen Sie auch Spieler aus dem Training?

Das kommt selten vor, aber ja, das kann schon mal sein. Ich erkläre es dann natürlich auch, aber ich muss die Teamdisziplin und meinen Standpunkt verteidigen.

Ist die Strafe ein Erziehungsmittel?

Strafen können behilflich sein, noch mehr an sich zu arbeiten. Bei uns kennt zum Beispiel jeder „Zwei für Elf“. Wer nicht zwei Freiwürfe in Folge trifft, der muss die Halle rauf- und runterrennen, in elf Sekunden. Wer es nicht schafft: nochmal. Das ist schließlich nicht unmöglich. Die Übung habe ich von einem Assistenten der Dallas Mavericks, der meinte: Du musst die Spieler unter Druck setzen.

Wie hilft das?

Er sagte: Wer sich überwindet, gibt nicht so schnell auf, denn er hat gelernt zu kämpfen. Wer das im Training und im Spiel durchhält, wird ein besserer Spieler. Und ich kann sagen, dass die meisten meiner Spieler unter mir besser geworden sind.

Nihad Djedovic zum Beispiel? Ihn schreien Sie auffällig oft an.

Er hat es schwerer als andere, weil er Serbisch versteht. Aber meine Nachricht kommt bei ihm an, ich habe ihm gesagt: Du musst jeden Tag an deinem Wurf arbeiten, dich nicht nur auf dein Talent verlassen.

Sind auch serbische Schimpfwörter dabei?

Ich versuche es zu vermeiden. Meine Mutter sieht das nicht gern, sie ist Lehrerin und hat mir eine gute Erziehung mitgegeben.

Haben Sie Ihre Strenge von Ihren Eltern?

Disziplin lernt man im Sport. Aber die Kämpfernatur habe ich aus dem Viertel in Belgrad, in dem ich aufgewachsen bin. Da gab es viele Auseinandersetzungen.

Auf dem Spielfeld?

Auch abseits. Nichts Schlimmes, aber in meiner Gegend ging es hoch her. Wenn wir Fußball gespielt haben, ist das oft ausgeartet. Ich mochte das, der soziale Faktor macht dich stärker.

Ist die aktuelle Generation weicher als die früheren, speziell die deutschen Spieler?

Ich finde schon. Viele trainieren nicht hart genug. Talent ist ein sozialer Faktor, wenn du schon am Anfang alles hast, bist du weniger bereit, dich für den Erfolg aufzuopfern. Ich mag es auch nicht, wenn meine Spieler vor dem Spiel mit ihren Gegnern flachsen: Das stört den Kampfgeist.

Leben Sie diesen Kampfgeist aus, wenn Sie an der Seitenlinie toben?

Ich versuche den Spielern meine Energie weiterzugeben. Mein Trainerkollege Dirk Bauermann sagte mir einmal: Wenn du nicht aggressiv bist, wird es dein Team auch nicht sein.

Der Satz könnte von Svetislav Pesic stammen, auf den Sie mit Bayern München im Play-off-Viertelfinale treffen. Wieviel von Ihrem ehemaligen Trainer steckt in Ihnen?

Man nimmt viel mit: wie er motiviert, fordert und das Maximum aus den Spielern holt. Er nimmt die Spieler auch mal richtig hart ran im Training. Das würde ich auch machen, aber unser enger Spielplan lässt das nicht zu.

Ihr ehemaliger Mitspieler Jörg Lütcke sagte einmal, es sei gut, wenn Spieler Angst vor ihrem Coach haben. Ist das so?

Quatsch. Wenn ich selbstbewusst bin, vor wem soll ich Angst haben? Das sind doch alles Ausreden: Der Pass kam nicht, der Trainer ist zu hart, ich bin verletzt, meine Familie schaut zu. Wie oft hat Pesic früher geschrieen? Wenn du weißt, was du kannst, lässt du dich davon nicht beirren.

Glauben Sie, Ihre Spieler hören alles, was Sie von der Seitenlinie brüllen?

Ich möchte, dass sie alles hören und eine Reaktion zeigen. Aber ich weiß auch, dass das nicht immer geht.

Ist das Schreien auch ein Weg, um selbst Wut und Frust rauszulassen?

Ich mache das nicht zum Selbstzweck, sondern um meine Botschaft rüberzubringen. Aber ja, vermutlich ist das auch mal ein Ventil für meine eigene Anspannung.

Sie haben einmal gesagt, dass sie zuviel Harmonie in einem Team nicht mögen.

Ja, ich mag Auseinandersetzungen. Basketball ist voll davon: Spieler-Gegenspieler, Spieler-Schiedsrichter, Spieler-Trainer, Spieler-Mitspieler, Spieler-gegnerischer Fan.

Bedeutet das, dass eine schlechte Stimmung im Team gut für das Spiel ist?

Nein, wenn dann höchstens in Maßen. Aber ein wütender Spieler kann fantastische Dinge leisten. Wenn man verärgert ist, dann ist man bereit zu kämpfen. Wenn man sich gut fühlt nicht immer.

Wie bekommt man die Spieler soweit?

Einigen liegt’s in den Genen, das sieht man ihnen an. Andere muss der Coach pushen.

Und wie pushen Sie vor dem Bayern-Spiel?

Man muss um seine Position auf dem Feld kämpfen. Das ist eine Frage der Ehre, wenn jemand dich wegschieben will, und du reagierst nicht darauf. Man kann sich nicht davon beeindrucken lassen, du musst zeigen: Alba ist bereit zu kämpfen.

Im Viertelfinale treffen sich sogar zwei Trainer, die diese Mentalität fordern. Wer siegt?

Das ist unmöglich vorherzusagen. Alle müssen dazu bereit sein. Und die Schiedsrichter müssen die Kontrolle behalten und dürfen sich nicht von Pesic beeindrucken lassen. Genausowenig wie von mir.

Das Gespräch führten Dominik Bardow und Benedikt Voigt.

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