Alba vor dem Bayern-Spiel : Sasa Obradovic: Ein Trainer bricht aus

Die Akribie und Aggressivität von Trainer Sasa Obradovic bestimmen auch nach der Rangelei mit dem Spieler Alex Renfroe den neuen Weg von Alba Berlin – auch im heutigen Pokalspiel gegen den Rivalen FC Bayern München.

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Alles wieder gut? Alba-Trainer Sasa Obradovic und Spieler Alex Renfroe. Foto: dpa
Alles wieder gut? Alba-Trainer Sasa Obradovic und Spieler Alex Renfroe.Foto: dpa

Noch vor seinem ersten Arbeitstag bei Alba Berlin hat Sasa Obradovic einen interessanten Satz gesagt. „Natürlich kann in einem Verein nicht alles vom Charakter eines einzelnen Menschen abhängen“, verkündete der Serbe, als die Berliner ihn gerade als Coach verpflichtet hatten. „Aber wenn dieser Mensch mit gutem Beispiel vorangeht, kann das schon helfen.“ Nun hat Sasa Obradovic ein schlechtes Beispiel abgeliefert, als er am Sonntag handgreiflich gegen Alex Renfroe wurde und den Spieler in einer Auszeit schubste. Trotzdem wird Alba an Sasa Obradovic als Trainer festhalten. Und dem Weg folgen, den der 46-Jährige vorangeht.

Obradovic ist Perfektionist. Im Spiel kennt er keine Toleranz für Fehler, keinen Spielraum, keine Konjunktive. Es gibt keine unwichtigen Spiele, keine leichten Gegner, keine lockeren Trainingseinheiten. Akribie und Aggressivität setzen sich abseits des Feldes fort. Kürzlich hat der Trainer erzählt, er dulde es an Spieltagen nicht, dass seine Spieler lachen. Nicht im Bus, nicht beim Mittagessen, nicht beim Warmmachen. Nichts und niemand soll die Konzentration auf das Wesentliche stören. Auf Basketball. Obradovic wiederholt gerne, die großen Spiele – wie die Pokalpartie gegen den FC Bayern an diesem Mittwoch – würden in den entscheidenden Situationen gewonnen. Wenn man dann fragt, welche Situationen das genau seien, sagt er: „Alle.“ Diese beinahe manische Herangehensweise kann Obradovics Ausraster vom Sonntag nicht entschuldigen. Aber dabei helfen, den Vorfall zu verstehen.

Obradovic gibt als Coach das weiter, was er als junger Spieler erfahren hat. Als Vorbilder nennt er die legendären serbischen Trainer Zeljko Obradovic, Dusan Ivkovic und Bayern-Trainer Svetislav Pesic, dem er nun wieder einmal gegenübersteht. Die serbische Basketballschule duldet keine Diskussionen, der Trainer gibt nicht nur die ungefähre Richtung vor, sondern jeden einzelnen Schritt. Und die Spieler folgen – mit Respekt und manchmal wohl auch ein bisschen Angst.

Es fällt nicht allen Spielern leicht, die Frontalkritik zu verarbeiten und wegzustecken

Bei Trainern wie Pesic oder Obradovic herrscht im Training und bei Spielen ein rauer Ton. Jeder noch so kleine Fehler, jede Nachlässigkeit kann eine Explosion nach sich ziehen. Obradovic legt allerdings Wert auf eine Feststellung: „Ich schreie nicht nur, um zu schreien.“ Dennoch fällt es nicht allen Spielern leicht, die Frontalkritik zu verarbeiten und wegzustecken. Das scheint der ehemalige Point Guard, der als Spieler Welt- und Europameister wurde, inzwischen auch besser verstanden zu haben. Die Alba-Verantwortlichen um Sportdirektor Mithat Demirel haben ihm in vielen Gesprächen klargemacht, dass man junge oder minder begabte Spieler nicht nur kritisieren und in Grund und Boden brüllen darf, sondern auch wieder aufbauen muss. Dass die Lautstärke nicht die Information überdecken sollte. Obradovics Eruptionen sind seltener geworden – das heißt aber nicht, dass es nicht permanent in ihm brodelt.

Mit seiner Persönlichkeit hat Sasa Obradovic die Entwicklung von Alba Berlin in den vergangenen zweieinhalb Jahren wesentlich mitbestimmt. Nach Jahren des Misserfolgs und mehreren Trainerwechseln hat der achtmalige Deutsche Meister wieder eine klare Identität, eine Handschrift. Potenzielle Verstärkungen sucht der Verein mittlerweile auch danach aus, ob sie zu Obradovics Arbeitsweise passen. Die Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, ist ein Ausschlusskriterium.

Obradovics Konfrontation war eher ein unkontrollierter Ausbruch als kalkulierte Provokation

„Man muss dazu den Mut haben, Konflikte auch zu kreieren“, hat Obradovic einmal gesagt. Seine Vorbilder Zeljko Obradovic, Ivkovic und Pesic würden das tun, „um die Anspannung im Team zu halten, damit niemand nachlässig wird“. Obradovics Konfrontation mit Alex Renfroe war sicher keine kalkulierte Provokation, sondern eher ein unkontrollierter Ausbruch. Die Bilder von dem Zusammenstoß waren im Fernsehen und im Internet zu sehen, die Bundesliga hält sich noch die Option offen, den Fall zu prüfen und Albas Coach mit einer Geldstrafe oder sogar einer Sperre zu belegen.

Obradovic hat selbst zugegeben, überreagiert zu haben. Im Vier-Augen-Gespräch mit Renfroe und in einer Ansprache ans Team will er alles ausgeräumt haben. „Die Einheit ist da“, sagt Sasa Obradovic. Und: „Ich werde mich nicht ändern. Ich bin, wer ich bin.“ Kurz nach der Konfrontation mit Renfroe umarmte er den US-Amerikaner und wechselte ihn wieder ein. Noch vor seinem ersten Arbeitstag bei Alba Berlin ist Sasa Obradovic gefragt worden, für welche Art von Basketball er als Trainer steht. Seine Antwort: „Das Wichtigste ist: Ohne Emotionen kannst du nicht Basketball spielen.“

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