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Alexander Leipold : Der Kampf seines Lebens

28.12.2009 00:00 UhrVon Katrin Schulze
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Hoch, runter, hoch. Alexander Leipold gewinnt 2000 in Sydney (o.), wird aber wegen Dopings gesperrt. Später begibt er sich nach drei Schlaganfällen in Therapie. Als Bundestrainer... - picture-alliance

Alexander Leipold hat viele Titel errungen. Doch den größten Erfolg seiner Karriere feierte der Freistilringer abseits der Matte: Drei Schlaganfälle hat er besiegt. Und ist seit diesem Jahr Männer-Bundestrainer.

Da lächelt er. Halb höflich, halb verschmitzt. Schon von weitem ist dieses Lächeln nicht zu übersehen; es nimmt auch nicht ab, wenn man sich ihm nähert. „Gut, nicht?“, fragt er dann so beiläufig wie möglich, ohne eine Antwort zu erwarten. Vielleicht ist dieser kleine Wettkampf abseits des Trainings, in dem große starke Männer herumtollen wie kleine Jungs, in dem Alexander Leipold mit anderen Sportlern über einen glibschigen Untergrund mit Hindernissen spurtet, tatsächlich lustig oder verrückt. Jedenfalls hat ihn der Mann mit dem listigen Lächeln gerade gewonnen. Gut, nicht?

Es war ein Sieg für den Spaß. Aber er hat ja schon viel gewonnen.

„Und ein Lächeln habe ich sowieso immer im Gesicht“, sagt er. Wenn Alexander Leipold heute herumtollt und lacht, ist das auch immer ein kleiner Triumph über seinen Körper.

Einundzwanzig Mal wurde er Deutscher Meister im Freistilringen, vier Mal Europameister und zwei Mal Weltmeister, doch seinen größten Kampf hat er nicht auf der Matte gewonnen, sondern in Krankenhäusern, Rehabilitationszentren und Therapien. Drei Schlaganfälle hat Leipold besiegt.

Und wenn er, wie jetzt, darüber redet, klingt das bemerkenswert besonnen, fast ein bisschen weise. Inzwischen kann er seinen wichtigsten Sieg einordnen. Etwa 250 000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Schlaganfall, neben Krebs und einem Herzinfarkt zählt er zu den häufigsten Todesursachen. Leipold ist Botschafter der Deutschen Schlaganfall-Hilfe, er ist es gewohnt, von seinem Schicksal zu erzählen.

„Schon als Sportler habe ich mich nie aufgegeben“, sagt der 40 Jahre alte Mann aus der Nähe von Aschaffenburg. „Auch bei meiner Krankheit war das so. Es ging schließlich um meinen Beruf, meine Existenz.“ In Wirklichkeit ging es um viel mehr – um sein Leben. Nicht viele Menschen überleben drei Schlaganfälle, noch weniger überstehen sie ohne bleibende Schäden. Leipold ist die Ausnahme. Ein Gefühl, das er kennt.

Im Durchschnitt sind Männer bei ihrem ersten Schlaganfall um die 70 Jahre alt. Alexander Leipold ist gerade mal 35, als es plötzlich „links so ein bisschen kribbelt“, während er seine Jacke auszieht. Danach kribbelt es auch im Bein, am Mund, auf der kompletten linken Seite. Irgendwann, im Juli 2003 muss es sein, Alexander Leipold befindet sich gerade in einem Trainingslager in Usbekistan. Dass er in diesem Moment einen Schlaganfall erlitten hat, kommt ihm nicht in den Sinn. Wie auch? „Ich gehöre überhaupt nicht zur Risikogruppe“, erzählt er. „Ich mache viel Sport, bin relativ jung, rauche nicht, trinke keinen Kaffee, kaum Alkohol. Über so etwas wie einen Schlaganfall habe ich mir nie Gedanken gemacht.“

Er selbst witzelt über sein Taubheitsgefühl, seine Trainer aber schicken ihn zurück nach Deutschland, wo der Ringer die Diagnose erhält. Eine aus einer schweren Viruserkrankung resultierende Überreaktion seines Immunsystems hat ihn umgeworfen, wie es keinem seiner Gegner auf der Matte zuvor gelungen ist. Die Ärzte behalten ihn vorsorglich in der Klinik, wirklich ernst nimmt Leipold diese Sache, um die alle so einen Wind machen, trotzdem nicht, er fühlt sich gesund – und fit. Zwischen den Untersuchungen macht der Leistungssportler Liegestütze, Bauchmuskelübungen, fährt Rad. Bis er irgendwann bei einem Routinecheck in der Nacht geweckt wird – und kein Wort rausbringt. „Ich habe die Worte im Kopf formuliert und trotzdem nichts gesagt“, erzählt er. „Auf einmal merkt man, dass die Ärzte um einen herum zu rotieren beginnen. Dann fängt man selbst an zu rotieren. Ich wäre am liebsten aus dem Bett gesprungen, aber das ging nicht.“

Der zweite Anfall.

Nur kurz danach folgt der dritte.

Leipold fängt an zu begreifen: Lustig ist das nicht. „Das Schlimmste ist, dass du völlig klar im Kopf bist, aber alle denken, du bist bekloppt, weil du kein Wort herausbringst.“ Er stockt kurz. „Wenn der Anfall bei mir zu Hause passiert wäre und man Zeit verstreichen lassen hätte, dann wäre ich jetzt vielleicht im Rollstuhl. Oder gar nicht mehr.“ Sein Tonfall wird nun härter, das markante Lächeln ist schon eine ganze Weile verschwunden. Wenn es um seinen Körper geht, versteht Alexander Leipold keinen Spaß.

Dabei ist aus dem Sportler zwischenzeitlich ein Patient geworden, einer, der halbseitig gelähmt ist, nicht sprechen und schlecht schlucken kann. „Sie haben mir Kortison gegeben. Innerhalb eines Tages habe ich acht Kilo zugenommen – nur an Wasser. Ich sah aus wie ein Anti-Sportler.“ Aus Leipolds Mund hört sich das wie ein Schimpfwort an: Anti-Sportler. Doch Schlaganfälle sind keine sportlichen Gegner, auch wenn sie ihn offenbar ähnlich herausfordern.

Anstatt sich an Hanteln abzurackern oder die Technik bis ins kleinste Detail zu verfeinern, geht es für den Patienten Leipold nun um profane Dinge: „Zähne putzen, sich alleine anziehen, alleine essen, mit meinem Sohn sprechen, spazieren gehen. Das waren die ersten Ziele.“ Als er das erste Mal aufsteht, ist das schon ein Sieg, er schleppt sich mit seinem Infusions-Gestell auf den Gang, ganz kurz nur, solange, bis die Schwäche ihn wieder im Klammergriff hat.

Sein Gefühl für den Körper mag Alexander Leipold vorübergehend verlassen haben, sein Ehrgeiz nicht. Ein „gigantisches Rehaprogramm“ setzt er auf seinem Laptop in einer penibel geführten Excel-Datei auf: Schritt für Schritt zurück ins Leben. Drei Minuten laufen, fünf, zehn, zwanzig. Und so weiter. Jetzt lacht er kurz auf, „als Leistungssportler bist du da vielleicht ein bisschen verrückter als andere“, sagt er. Auch das ist Alexander Leipold: ein Perfektionist, ein Besessener.

„So etwas wie mich hatten sie auf der Station wohl noch nie“, erzählt er. „Ich habe alles mitgemacht, was die Reha hergab.“ Und noch ein bisschen mehr. Sein Weg zurück führt über Gleichgewichts- und Koordinationsübungen, über Thai-Chi, Sprach- und Krafttraining, über Gespräche mit Psychologen, dem Auswendiglernen von Gedichten und einer Reit-Therapie. Ob dieses Megaprogramm anschlägt, ist anfangs nicht abzusehen.

Vier Monate nach seinem ersten Anfall steht er allerdings schon wieder auf der Matte. Dass Leipold zurückkommt, verblüfft die Ärzte, wie schnell er zurückkommt, bezeichnen einige als „medizinisches Wunder“. Für den Ringer selbst ist es kein Wunder, er führt seine rasante Genesung auf seinen Willen, sein Umfeld, Familie und Freunde, zurück – und auf einen großen Traum. Den Traum, noch einmal auf Weltklasseniveau zu ringen, noch einmal bei Olympia teilzunehmen, es allen zu zeigen. Denn da ist ja noch eine offene Rechnung – mit zigtausend Zweiflern.

2000, in Sydney war dem Ringer die Goldmedaille wegen eines erhöhten Nandrolon-Wertes aberkannt worden. Nach einem langwierigen Prozess wurde Leipolds Doping-Sperre von zwei Jahren auf ein Jahr verkürzt. Mehr erreichte er im Kampf um das Bild seiner Unschuld nicht. Für die Spiele vier Jahre später in Athen ist die Zeit trotzdem zu knapp, er schafft es nicht dorthin, was ihn „getroffen hat, aber ich konnte ja nichts daran ändern“.

Nur an den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr überkommt Leipold sein Schicksal manchmal, dann denkt er zurück an seinen ersten Kampf nach den Schlaganfällen, der am 20. Dezember 2003 stattfindet, und wie schnell doch alles wieder in den Alltag übergegangen ist. „Weihnachten war damals ein kritischer Punkt“, gesteht er. „Arbeit, plus Training, plus Reha. Die Tage zwischen den Jahren waren voller als vor der Krankheit. Mit Ruhe war da nichts, nicht mal einen Weihnachtsbaum hatten wir.“ Zeit zum Abschalten gibt es auch in diesen Tagen nicht, obwohl „ich mal ohne Handy meine Gedanken sortieren wollte“. Erst eine Reise nach China im Jahr 2004 unterbricht den Alltagsstress; zusammen mit den Shaolin-Mönchen trainiert und meditiert er. Weit entfernt vom Trubel um seine Person findet er das, wonach er sucht. Ruhe und Kraft.

Dennoch, irgendwie ist das mit der Ruhe auf Dauer nichts für einen so ehrgeizigen und energischen Mann wie ihn. 13 Jahre lang hat Leipold neben seinem Ringerdasein und später auch neben seinem Teilzeitjob als Landestrainer im Einkauf eines Industriekonzerns gearbeitet, ehe ihm 2005 eine Stelle als deutscher Nachwuchs-Bundestrainer angeboten wird. Das ist sein Ding, auch wenn er sich anfangs die Frage stellt, ob er überhaupt geeignet ist für diese Aufgabe – bei seiner Vergangenheit. Ist er.

Schon als aktiver Ringer schlüpft er in die Rolle seiner Chefs und leitet die Übungseinheiten. Alexander Leipold ist eigentlich schon immer Trainer gewesen. Er scheint prädestiniert dafür, anderen das beizubringen, was für ihn selbst immer Teil seines Lebens war – trotz, oder vielleicht auch gerade wegen der Vergangenheit. Leipolds ganze Familie kommt aus der Szene, mit fünf Jahren beginnt er selbst zu ringen und schlägt die meisten seiner Gegner, obwohl „ich ein schmaler, schmächtiger Typ war“, wie er erzählt. Mit 15 sieht er sich die Olympischen Spiele in Los Angeles im Fernsehen an und weiß: „Da will ich hin, das schaff'' ich!“

In diesem Jahr hat Alexander Leipold den großen Sprung geschafft. Nicht als Aktiver, sondern als Trainer. Im November wird er zum Bundestrainer der Männer befördert. Eine besondere Aufgabe. Denn Leipold war vorerst der letzte deutsche Freistilringer, dem es gelang, eine Medaille bei Weltmeisterschaften zu holen, nun bildet er im Prinzip seinen eigenen Nachfolger aus.

Wahrscheinlich gäbe es für die Geschichte des Alexander Leipold nicht einmal in einem Hollywood-Film ein Happy-End. „Wenn es Schicksalsschläge zu verteilen gab, habe ich öfter mal die Hand gehoben“, sagt Leipold. Nach seinen Schlaganfällen hat er sich vorgenommen, alles gelassener anzugehen und lieber „fünf Minuten später zu kommen als sich abzuhetzen“. Was von diesem Vorsatz übrig geblieben ist? Nicht allzu viel. Und da ist es wieder, das Lächeln – noch ein bisschen breiter als vorhin. „Als Bundestrainer ist es schwierig, gelassen zu bleiben. Ein Bundestrainer schläft ja nicht.“ Alexander Leipold wirkt nicht so, als ob ihn das stören würde. Jetzt muss er auch wieder los. Gleich beginnt ein Volleyballturnier.

Zeit für den nächsten Sieg.

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