Sport : Allein im Urlaub

Robert Ide

Als das Spiel verloren war, ließen sie Friedhelm Funkel allein. Kein Spieler des FC Hansa Rostock ging nach der 1:2-Pleite gegen den VfL Wolfsburg auf den Trainer zu, und so steckte Funkel beide Hände in die Taschen seines Trainingsanzuges und lief ohne Begleitung über den Rasen. Am Ausgang des Rostocker Ostseestadions kam doch noch einer: Wolfsburgs Stürmer Tomislav Maric. Der hatte mit zwei Toren die Rostocker geschlagen und Funkels Schicksal besiegelt. Maric drückte Funkel an sich, gab ihm die Hand. Wolfsburgs Trainer Wolfgang Wolf gesellte sich dazu. An seinen Kollegen gewandt sagte er: "Tut mir Leid." Zwei Stunden später war Friedhelm Funkel arbeitslos.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de "Wir haben die Notbremse gezogen", sagte Hansas Aufsichtsratschef Horst Klinkmann am Tag danach. Er selbst hatte Funkel unter Druck gesetzt, indem er vor den Heimspielen gegen Hertha BSC und Wolfsburg vier Punkte gefordert hatte. Am Samstagabend hatte Funkel nur einen Punkt vorzuweisen. Zu wenig für Aufsichtsrat und Vorstand, die Offensivfußball außerhalb der Abstiegszone versprochen hatten. Klinkmann fuhr am Sonntag nicht raus zum Stadion: "Heute ist der Adventsstollen wichtiger."

Die Mannschaft musste am Sonntag wieder arbeiten. Der bisherige Assistent Juri Schlünz übernahm das Training, Cheftrainer will der 40-Jährige aber nicht werden. Friedhelm Funkel kam noch einmal in die Kabine. Ein leiser Abschied nach 15 Monaten. Als er danach in seinen dunklen Audi stieg, war er erleichtert. Der Druck ist weg, seine persönliche Bilanz versöhnlich. "Die Mannschaft hat immer gewollt, aber nicht immer gekonnt", erzählt Funkel, "es war eine tolle Zeit." Die Pfiffe und Schmähungen der Fans haben wehgetan. Vielleicht spricht der 47-Jährige deshalb von der giftigen Atmosphäre im Stadion und in manchen Medien. Vielleicht sagt er deshalb Sätze wie: "Ich persönlich habe nicht so viele Fehler gemacht." Friedhelm Funkel hat hart gearbeitet, akribisch. Doch er hat das Risiko gescheut. Für eine Mannschaft, die zu viele Abwehrfehler macht und zu viele Torchancen vergibt, reicht das nicht. Für eine Mannschaft, die "kein Vertrauen mehr in sich selbst hatte" (Kapitän Peter Wibran). In dieser Woche verlässt Friedhelm Funkel die Hansestadt. Er will Urlaub machen.

Für die Fans bleiben zwei Fragen offen. Erstens: Wer wird neuer Cheftrainer? Die ebenfalls arbeitslosen Werner Lorant und Lorenz-Günther Köstner gelten als Kandidaten. Viele Anhänger wünschen sich gar den einstigen Erfolgscoach Frank Pagelsdorf zurück, der nach seinem Weggang aus Rostock beim Hamburger SV scheiterte. Klinkmann gibt allerdings zu bedenken: "Beim Trainergehalt haben wir eine Obergrenze festgelegt, und die gilt für alle." Pagelsdorf hat immerhin einen Vorteil. Er besitzt ein Haus in Warnemünde, das er nach seinem Wechsel vermietet hat - an Friedhelm Funkel.

Und dann ist da noch eine Personalie: Wolfgang Funkel. Friedhelms Bruder ist seit Sommer Hansas zweiter Kotrainer. Er saß zu Hause vor dem Fernseher, als sein Bruder entlassen wurde. Spät in der Nacht haben beide noch telefoniert. Jetzt sagt Wolfgang Funkel: "Ich bin guter Dinge, dass ich bleibe. Ich fühle mich wohl hier." Die Rostocker Familiensaga mit zwei Brüdern auf der Trainerbank - nach 15 Folgen ist sie zu Ende.

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