Sport : Allein mit Partner

Die bislang unscheinbaren Adjutanten Massa und Fisichella könnten das WM-Duell zwischen Schumacher und Alonso entscheiden

Christian Hönicke[Hockenheim]

Giancarlo Fisichella sitzt mit verschränkten Armen da und beobachtet das Zentrum des Formel-1-Universums am Nebentisch. Seit Monaten schon macht er das so, an jedem Rennwochenende. Der Renault-Pilot sitzt da und sieht zu, wie sich die ganze Welt um seinen Teamkollegen Fernando Alonso drängelt. Und er wartet darauf, dass sich vielleicht zwei oder drei alte Bekannte dazu entscheiden, den üppigen Tisch in der mobilen Teamzentrale mit ihm zu teilen – obwohl sie dies wohl eher aus Sympathie als aus wirklichem Interesse an seiner Arbeit tun. Fisichellas Erscheinung innerhalb und außerhalb des Rennautos kommt momentan der Nichtexistenz gefährlich nahe. Das soll jener Mann sein, über den Renaults Chefingenieur Pat Symonds sagt: „Sein Beitrag in den kommenden Wochen wird entscheidend sein.“ Fisichella teilt das Schicksal des Ferrari-Piloten Felipe Massa. Beide beobachten den Titelkampf ihrer Stallgefährten Fernando Alonso und Michael Schumacher meist aus sicherer Entfernung, und doch könnte ausgerechnet einem der beiden Hilfssheriffs die Rolle zufallen, die Vergabe des WM-Titels entscheidend zu beeinflussen.

Die größere Notwendigkeit für einen starken Partner verspürt dieser Tage eindeutig Michael Schumacher. Zwar hat der Deutsche die beiden vergangenen Rennen gewonnen und gilt auch beim Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring am Sonntag als Favorit. Seinem Widersacher Alonso würde es jedoch theoretisch genügen, bei den verbleibenden sieben Saisonrennen jeweils den zweiten Platz hinter dem Deutschen zu belegen – und das kann er auch ganz ohne Unterstützung schaffen. Der Rekordweltmeister müsste selbst bei einer unwahrscheinlichen Siegesserie hoffen, dass sein Adjutant Felipe Massa wenigstens zweimal vor Alonso ins Ziel kommt und dem Spanier damit die entscheidenden Punkte stiehlt. Über seinen Sieg beim Grand Prix von Frankreich vor zwei Wochen freute sich Schumacher aus diesem Grund zwar artig, zeigte sich aber durchaus nicht wunschlos glücklich. „Es ist schade, dass Felipe den zweiten Platz noch an Alonso verloren hat“, sagte er.

Auch wenn es an der Umsetzung hier und da hapert, kann sich Schumacher zumindest der grundsätzlichen Loyalität Massas sicher sein. „Das ganze Team ist um Michael aufgebaut“, sagt Rubens Barrichello, der vor Massa jahrelang die Rolle des Erfüllungsgehilfen bei Ferrari spielte. „Felipe muss Michael helfen, den Titel zu gewinnen, um eine Zukunft im Team zu haben.“ Massa ist sich dieser Konstellation offenbar bewusst und hat sich bereits öffentlich selbst als Zuarbeiter eingeteilt. Nachdem er die obligatorische Rennfahrerfloskel „Ich möchte natürlich in Hockenheim gewinnen“ hinter sich gebracht hatte, betonte der Brasilianer, er wolle „in jedem Fall aufs Podium fahren und Renault so viele Punkte wie möglich wegnehmen. Wir müssen zusammenarbeiten.“

Während Massa Schumacher immerhin phasenweise zur Hilfe eilt – wie beim Grand Prix der USA, wo er als Zweiter tatsächlich vor Alonso ins Ziel kam –, ist Fisichellas größtes Verdienst, dass er Alonso, abgesehen von seinem Sieg in Malaysia zu Saisonbeginn, bislang nicht unnötig in die Quere kam, weil er meist so weit hinter ihm fuhr. Der Italiener hat in dieser Saison die ohnehin schon nicht hohen Erwartungen an ihn ziemlich deutlich untertroffen. Die Motivation, Alonso zu unterstützen, dürfte überdies überschaubar sein. Fisichella hat ein Renault-Cockpit für die kommende Saison sicher und muss nicht mehr um eine Vertragsverlängerung kämpfen, wohingegen sein Teamkollege zu McLaren-Mercedes wechseln wird und bei Renault keineswegs mehr als gottähnlich angesehen wird. Alonso jedenfalls hat die Hoffnung auf einen Beweis der Existenz seines Gefährten schon längst aufgegeben. „Ich habe nicht die Hilfe, die Schumacher von seinem Teamkollegen bekommt“, sagt der Spanier und fügt trotzig an: „Aber das macht nichts, denn ich bin meine Rennen schon immer allein gefahren.“ In diesem Moment gibt sein Partner am Nebentisch ein unzweideutiges Lebenszeichen von sich. „Er braucht meine Hilfe doch gar nicht“, sagt Giancarlo Fisichella mit einem verächtlichen Blick nach links. „Damit ich ihm helfen kann, müsste er erst mal Rennen gewinnen.“

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