Sport : Alles proaktiv

Wolfram Eilenberger

erkennt unter Klinsmann Deutschland kaum wieder Ich verstehe nichts mehr, bin aber trotzdem total happy. Vor fünf Monaten bin ich probeweise nach Finnland ausgewandert – hauptsächlich wegen meiner Frau. Seitdem habe ich kein deutsches Fußballspiel mehr live sehen können. Und obwohl ich wirklich alles versucht habe, um bis 2006 am Ball zu bleiben (tägliches Internetstudium, E-Mails, Videokassetten), habe ich jetzt schon den Anschluss verloren. Die Entwicklung, die Deutschland mit Trainer Klinsmann nahm, ist einfach zu dynamisch, zu gewaltig. Ich sage nur: Schulz, Owomoyela und Engelhardt. Wer kannte diese Spieler vor fünf Monaten? Wer hat, selbst unter Experten, an sie gedacht? Und doch hat Klinsmann sie entdeckt. Wie? Wurden deutsche Zweitligaspiele letzte Saison in Kalifornien etwa live übertragen? Ich weiß es nicht. Ich verstehe so vieles nicht, wofür ich seit fünf Monaten einfach nur dankbar bin. Das fängt schon bei der Sprache an. „Proaktiv“ zum Beispiel, ich lese diesen Begriff immer wieder, offenbar eine von Klinsmanns Leitideen. Im Fachlexikon steht, der Begriff „proaktiv“ stamme ursprünglich von einem Psychiater namens Viktor Frankl, der sich als Häftling im Konzentrationslager mit einer proaktiven Distanzierungstechnik vor dem Wahnsinn bewahrte. Was das mit Fußball zu tun hat? Keine Ahnung. Aber die deutschen Spieler, sagt der neue Kapitän Ballack, „saugen Klinsmanns Worte regelrecht auf“.

Es muss Klinsmanns Ausstrahlung sein. Wahnsinnig positiv, mitreißend. Ich denke dann an andere wahnsinnig erfolgreiche Trainer wie Ernst Happel, Waleri Lobanowski und Ottmar Hitzfeld und deren wahnsinnig negative Ausstrahlung – und kann daraus nur schließen, dass sie andere Erfolgsgeheimnisse kannten.

Das Einzige, was ich aus der Ferne noch halbwegs begreife, ist die fehlende Kritik an Klinsmann. Wo sollte sie auch ansetzen? Sämtliche Innovationsbremsen wurden gefeuert, jedes Testspiel lief bombig. Außerdem soll, lese ich, aus Deutschland bald der FC Deutschland 06 werden, und eine Kritik an Klinsmann, das wäre doch dann fast schon ein unpatriotischer Akt. Oder nicht? Wie gesagt, ich kann es nicht mehr beurteilen. Fünf Monate in einem fremden Land, das ist eine verdammt lange Zeit, besonders im Fußballgeschäft. Im Moment freue ich mich einfach nur für den Klinsi, denn bis zur WM sind es noch volle 18 Monate. Und manchmal, ich gebe es zu, denke ich noch immer genau so wie vor fünf Monaten, ich denke: Das hält der nie durch.

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