Sport : Alles Stulle

Herthas Fans sind entsetzt

André Görke

„Ihr seid Millionäre, und ihr habt keene Ehre, ihr habt kleene Beene und Tore schießt ihr keene – He, Berliner Sportclub…“ (Herthas Fans in Köln nach der Melodie von Pippi Langstrumpf)

Dieter Hoeneß sagte nichts, er stand nur irritiert auf der Balustrade vor der Mannschaftskabine in Köln und schaute zu den schimpfenden Berliner Fans hinüber. Seine Arme hingen schlaff am Körper herunter, sein Kopf war gesenkt. Hoeneß, die Augen gerötet, sah schwer angeschlagen aus – und immer mehr entstand der Eindruck, der Manager von Hertha BSC würde jeden Moment in Tränen ausbrechen. Es ist ja auch sein Werk, Hertha BSC – soll jetzt wirklich alles kaputtgehen?

Es war am Dienstagabend, 22.22 Uhr, die Niederlage in Köln lag gerade eine halbe Stunde zurück, und die Angestellten von Hertha BSC trauten sich nicht mehr aus der Kabine. An den Zäunen hingen die Fans, sie schmissen mit Stullen, sie spuckten, sie waren voller Verachtung. „Hoeneß, mach was oder geh!“ Und: „Ihr macht unseren Klub kaputt, merkt ihr’s nicht!?“ Der Protest in dieser Nacht hatte an neuer Qualität gewonnen, es war mehr als das übliche Gemaule nach einem verlorenen Spiel.

Die Fans sind das Fundament von Hertha, und dieses Fundament bröckelte in Köln. Herthas Ersatztorhüter Christian Fiedler war der Erste, der aus der Kabine kam, aber bei den vielen Schimpfwörtern, die ihm entgegengeschleudert wurden, verschwand er schnell wieder in der Kabine. Wo waren die anderen Profis? „Kommt raus!“ grölte das aufgeregte Völkchen am Zaun. Vor der Kabine zogen Polizisten mit Kampfhunden auf.

Irgendwann kam Fredi Bobic aus der Kabine. „Bobic – du Null!“ Der Stürmer verschwand. Irgendwann griff Hoeneß ein, ermahnte seine Angestellten in fast väterlichem Ton: „Ihr geht da jetzt hin!“ Dahin, zu den Fans. Der Chef selbst blieb in sicherer Entfernung. „Ich bin nicht bereit, den Kopf immer hinzuhalten, wenn die Mannschaft den Verein im Stich lässt“, maulte Hoeneß. Arne Friedrich ging als Erster hin, freiwillig. Die Kollegen folgten ihm, stellten ihre blauen Sporttaschen auf den Beton und redeten. Worüber? „Wir haben keine Erklärungen, wir sind es, die das alles an jedem Wochenende verbocken“, sagte Friedrich später. Die Fans sitzen acht Stunden im Bus, zahlen 100 Euro für so einen Tag, und dann „müssen die sich jedes Mal dasselbe von uns anhören“. Entschuldigung und so. Wir werden kämpfen. Alles geben, keine Partys mehr, versprochen! Die Fans lachen nicht einmal mehr höhnisch. Sie haben die Mannschaft aufgegeben – seit Dienstag.

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