Sport : Alles vergeben und vergessen

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Von Susanne Güsten

Mitte der zweiten Halbzeit hält es einen der um den Fernseher versammelten Mitarbeiter in einem Istanbuler Betrieb einfach nicht mehr vor dem Bildschirm. „Die versieben es noch, das geht noch schief“, murmelt er im Gehen – und bleibt vor dem Fernseher im Nachbarbetrieb wieder hängen.

Ähnlich pessimistisch denken Millionen weitere Türken, die am Donnerstagmorgen vor den Bildschirmen zittern: Zu unzuverlässig hat sich die Mannschaft in ihren ersten beiden WM-Spielen gezeigt, als dass die Nation ernsthafte Hoffnungen in sie setzen könnte. Doch die Skepsis weicht schnell der Freude. Nach nur zehn Minuten gehen die Türken durch Tore von Hasan Sas und Bülent Korkmaz in Führung, und auch im parallel laufenden Spiel liegt Konkurrent Costa Rica bald gegen Brasilien zurück.

Selbst die Oberschenkelverletzung von Torwart Rüstü Ende der ersten Halbzeit kann die Türken nicht mehr stoppen, zumal Vertreter Catkic eine gute Leistung zeigt. Auch die wiederholt mäßige Leistung von Hakan Sükür, dem Star des Teams, wird angesichts des Ergebnisses nicht weiter kritisiert. Auch nicht, dass die Türken nach der frühen Führung kaum noch etwas für die Offensive tun und dadurch den Gegner aus China fast noch zurück ins Spiel bringen. Nicht auszumalen, wie das Spiel hätte ausgehen können, wenn Chen Yang Mitte der ersten Halbzeit nicht nur den Pfosten getroffen hätte. Doch als der Chinese Shao Jiayi nach einer Stunde die Rote Karte sieht, und spätestens, als Ümit Davala kurz vor dem Ende den letzten Treffer erzielt, steht der Sieger fest.

Fünf Minuten später löst der Schlusspfiff die Spannung, und der Jubel entlädt sich. 3:0 hat die türkische Nationalmannschaft gegen China gewonnen und damit das Achtelfinale erreicht. Zum ersten Mal überhaupt bei einer WM. Es war ein spannender Wettlauf mit der parallel spielenden Mannschaft Costa Ricas, die gegen Brasilien zwischenzeitlich auf 2:3 verkürzt hatte. „Heute ist ein großer Tag für das türkische Volk“, sagt Trainer Senol Günes. „Am Ende ist alles nach Plan gelaufen.“ Im Achtelfinale am Dienstag spielen die Türken gegen den Sieger der Gruppe H. Belgien, Japan oder Russland kommen als nächster Gegner in Frage. Der Trainer sagt: „Gegen den Gastgeber Japan zu spielen, wäre sicher ein kleiner Nachteil.“

Bis zum Schlusspfiff befinden sich kaum Passanten auf den sonst so gedrängten Straßen von Istanbul. Dann aber bricht in der ganzen Stadt die Freude lautstark los: Mit Böllern und scharfer Munition ballern die Fans in die Luft, überall starten Autos unter andauerndem Gehupe zu Korsofahrten, alles schreit, lacht und singt durcheinander. Innerhalb von zehn Minuten sind die Fahnenverkäufer unterwegs, wenig später flattert die rote Flagge mit Halbmond und Stern vor Geschäften, aus Fenstern und Taxis. In den eigenen vier Wänden hält es kaum jemanden mehr; wer in den ersten Stunden nach dem Spiel etwas besorgen will, muss erst einmal den Ladeninhaber aus dem nächsten Knäuel feiernder Fans auf der Straße fischen.

In der Euphorie sind viele Türken bereit, der Mannschaft und Trainer Günes die bisherigen Fehler zu vergeben. „Klar haben sie ein paar Fehler gemacht“, sagt eine Blumenverkäuferin, die ihr Sortiment flugs um türkische Fahnen erweitert hat. „Aber jetzt ist das alles egal, jetzt sind wir glücklich.“ Das benachbarte Gemüsegeschäft hat schon längst die Nationalflagge gehisst. „Das zeigt doch mal wieder, dass die Leute viel zu früh das Maul aufreißen“, sagt der Inhaber über die Kritik, mit der insbesondere Günes und Sükür bis kurz vor dem Spiel überhäuft wurden. „Die Fans sind einfach zu ungeduldig.“

Wie der Polizist, der mit dem Schnellfeuergewehr über der Schulter vor seiner Wache steht. „Ich denke genauso wie vor dem Spiel“, sagt er. ,„Sükür kann nicht spielen, und Günes ist ein Analphabet.“ Die ganze Mannschaft tauge nichts, meint er – und sieht sie dennoch bis ins Viertelfinale kommen. Dass viel Glück dabei war, das geben auch die euphorischsten Fans bereitwillig zu. „Vor allem, dass Brasilien so gut gespielt hat, war natürlich ein großes Glück für uns“, sagt ein Krämer, der an der Kasse wacht, während seine Kollegen draußen feiern. Von der zuvor verbreiteten Verschwörungstheorie, wonach die Brasilianer ihren lateirikanischen Kollegen weiterhelfen würden, will auf einmal keiner mehr etwas hören.

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