Sport : Allgäu oder arbeitslos

Warum ein NHL-Spieler in der Zweiten Liga spielt

Claus Vetter

Berlin - Der ESV Kaufbeuren ist nicht die erste Adresse des deutschen Eishockeys. Das war der Provinzklub aus dem Allgäu noch nie. Auch wenn er immerhin zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gehörte. In der Saison 1997/98 allerdings verabschiedete sich der Verein aus finanziellen Gründen aus der DEL. Seit dem Neuanfang in der Regionalliga ging es zwar wieder aufwärts in Kaufbeuren, doch die Gegenwart sieht unschön aus. Der Klub ist Tabellenletzter der Zweiten Liga. Und trotzdem können seine Fans seit gestern einen erstklassigen Spieler in ihrer Mannschaft sehen. Alex Henry, Kanadier vom NHL-Klub Minnesota Wild.

Ein Stammspieler aus der besten Eishockey-Liga der Welt beim Tabellenletzten der deutschen Zweiten Liga? „Das ist eine echte Sensation“, sagt Kaufbeurens Präsident Bernhard Pohl. Pohl hat Recht und doch nicht Recht. Schließlich werden die Arbeitsplätze für die derzeit wegen des Gehälterstreits arbeitslosen Spieler aus der NHL knapp, fallen zudem die Preise, weil viele Klubs schon ihre Ausländerstellen besetzt haben und weil in Europa bald Transferschluss ist – in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ist das Mitte Februar der Fall. Und in der NHL wird diese Saison wohl nicht mehr gespielt: Die für gestern vorgesehenen Gespräche zwischen Spielergewerkschaft und den Klubbesitzern ist von letzteren abgesagt worden. Eine Einigung über die Einführung einer Obergrenze für das Spielerbudget der Klubs ist nicht in Sicht.

Allerdings sind die arbeitslosen Stars aus Übersee nicht immer ganz so günstig zu bekommen wie der Kanadier Henry, der in der NHL kein Großverdiener ist. So zögert etwa der EHC Eisbären Berlin aus finanziellen Gründen bei der Verpflichtung von Olaf Kölzig. Nicht etwa, weil der Torwart von den Washington Capitals überhohe Gehaltsforderungen hätte. Das Problem ist eine Versicherung, die Kölzig abschließen muss, wenn er in Berlin spielt. Er muss sich gegen das Risiko versichern, dass er seinen NHL-Vertrag etwa aufgrund einer Verletzung nicht erfüllen kann. Und das ist im Falle Kölzig teuer: Sein Vertrag in Washington läuft bis Ende nächster Saison, er müsste für seine Versicherung bis zu drei Prozent seines noch zu erwartenden Gehaltes aus den kommenden 18 Monaten abschließen. Das Jahressalär des Torwarts beträgt immerhin rund sechs Millionen Dollar.

Viel Geld, dass Kölzig derzeit nicht bekommt. Kein Wunder, dass der Druck auf Bob Goodenow, den Vorsitzenden der Spielergewerkschaft, wächst. Und so viel Geld gibt es dann in Europa nun auch nicht für die Spieler, die keine so kostspielige Versicherung abschließen müssen wie Kölzig, zu verdienen. Schon gar nicht in Kaufbeuren. Alex Henry ist wohl vor allem dort, um sich fit zu halten und vielleicht auch, um Spaß in der alten Welt zu haben – daher hat es wohl auch schon einige NHL-Spieler in die international drittklassige höchste italienische Liga verschlagen.

Manchen ist aber selbst die deutsche Zweite Liga zu anstrengend: Mike Bullard, Trainer bei Zweitligist Schwenninger Wild Wings, hatte da kürzlich ein merkwürdiges Erlebnis. Er kontaktierte einen arbeitslosen NHL-Spieler und der antwortete ihm: „Mensch, hätte ich das drei Wochen vorher gewusst, wäre ich sofort nach Schwenningen gekommen. Aber jetzt habe ich Tickets für den Super Bowl.“ Persönliches Vergnügen beim Finale in der American-Football-Liga NFL hatte für den betreffenden Spieler Vorrang vor der Ausübung des Berufes.

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