Sport : Als ob jemand das Licht ausmacht

Die Ski-Rennfahrerin Gina Stechert über die Probleme beim Wechsel zwischen Hell und Dunkel

Gina Stechert
Durchblick bewahren. Gina Stechert hofft wie fast alle Abfahrerinnen, dass es im Rennen keinen plötzlichen Wechsel der Sichtverhältnisse gibt – denn das ist gefährlich. Foto: dpa
Durchblick bewahren. Gina Stechert hofft wie fast alle Abfahrerinnen, dass es im Rennen keinen plötzlichen Wechsel der...Foto: ddp

Nebel beim Abfahrtslauf, Wind beim Skispringen, Kaltluft beim Eisschnelllaufen – der Wintersport findet in der Natur statt und ist damit auch ihren Elementen ausgeliefert. In unserer Serie spüren wir diesen Elementen des Winters nach und beschreiben, wie sie sich auf den Sport auswirken. Heute, Teil drei: Die Ski-Rennläuferin Gina Stechert über Licht.

Optimal ist es für uns Rennläufer, vor allem bei der Abfahrt natürlich, wenn es hell ist, wenn man Konturen, Wellen und sonstige Unebenheiten sieht. Wenn allerdings die Lichtverhältnisse schlecht sind, empfinden wir es als am schlimmsten. Denn dann sieht man die Wellen nicht, es kann sein, dass es einem die Ski verschlägt oder das man von der Ideallinie abkommt. Auch sind die kleineren Spuren, die von den vorangegangenen Läuferinnen verursacht worden sind, gar nicht oder nur schlecht zu erkennen.

Bei solchen Lichtverhältnissen passt man sich in den Speed-Disziplinen, Abfahrt und Super-G, auch mit der Körperhaltung an. Man nimmt nicht mehr die aerodynamischste Haltung ein, sondern fährt etwas passiver. Das ist eine ganz normale Reaktion, aber die kann, so kurios es klingt, auch gefährlich werden. Denn in diesem Moment steht man nicht mehr so gut über dem Ski, wie es sein sollte. Dann kann man die Ski nicht mehr optimal kontrollieren und reagiert auf Schläge nicht hundertprozentig gut. Das beste Beispiel dafür sind meine Rennen in Altenmarkt-Zauchensee gewesen. Da waren die Lichtverhältnisse nicht optimal, und ich habe in der Abfahrt nur Platz 30 und im Super-G Platz 36 belegt.

Am anspruchsvollsten ist die plötzliche Umstellung von einer hellen, sonnenbestrahlten Piste in ein Schattenstück, zum Beispiel, weil jetzt die Piste durch ein Waldstück führt. Das muss man sich so vorstellen, als ob plötzlich jemand das Licht ausmacht. Da sieht man einen Sekundenbruchteil lang gar nichts mehr. In solchen Momenten muss man noch eine Spur konzentrierter sein als ohnehin, wenn das überhaupt noch geht.

Da fährt man normalerweise unbewusst ein paar Momente lang passiver. Es ist auch ganz schwer, sich auf diese Änderung einzustellen und trotzdem in der optimalen Haltung zu fahren. Lindsey Vonn, der Weltklasse-Abfahrerin aus den USA, gelingt das am besten von allen Frauen, die ich kenne. Die ist trotz der abrupten Dunkelheit selbstsicher.

Klar, man kennt natürlich die Passagen, in denen es dunkel wird, man sieht ja bei der Besichtigung, wo die Waldstücke anfangen. Aber das ist dann die Theorie. In der Praxis muss man wirklich viel üben, um diese Stellen sehr gut zu meistern. Je länger man im Rennzirkus dabei ist, desto öfter hat man im Training solche Situationen erlebt.

Wenn ständig diffuses Licht herrscht und man keine einzige Welle richtig sieht, ist es ganz schwer zu fahren. Oft reicht es schon, wenn es bewölkt ist. Dann sind zwar Kontraste erkennbar, aber nicht immer richtig. In flachen Teilen ist es nicht so schlimm, aber steile sind echte Herausforderungen.

Auch Nebel ist eine Gratwanderung. Natürlich sieht man wenig, aber wir verlassen uns in diesen Fällen ganz auf die Trainer und auf die Rennleitung. Sie alle sagen ein Rennen ab, wenn es zu gefährlich werden sollte.

Aufgezeichnet von Frank Bachner. Bisher erschienen: Jenny Wolf über Kaltluft im Eisschnelllauf (10.1) und Simon Stickl über Untergrund beim Skicross (12.1.).

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