Sport : Als Plato die WM-Maskottchen schuf

Enthüllt: Goleo, Pille und das vielfratzige Logo sind Plagiate

Wolfram Eilenberger

Keine Großveranstaltung ohne Maskottchen. Zur Fußball-WM fiel die Wahl auf ein grotesk proportioniertes und offenbar unsportliches Löwenwesen namens Goleo, das auf seinen Pranken Pille durch die Welt trägt, ein sprechendes Fußbällchen mit Menschenantlitz. Die Kritiken waren verheerend. Noch bestimmtere Ablehnung erfuhr das offizielle WM-Logo, ein neonstrahlendes Fratzengestirn, das handelsüblichen Ecstasy-Tabletten zum Verwechseln ähnlich sieht. Was haben diese Gestalten mit echter Fanbegeisterung, was mit den Kerntugenden des Spiels zu tun? Die Verantwortlichen blieben Antworten schuldig. Bis heute. Dabei sind diese Antworten verfügbar, in jeder Bibliothek weltweit – und es gibt nicht den geringsten Grund, sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Denn bei den offiziellen WM-Repräsentanten handelt es sich in Wahrheit um Schöpfungen des griechischen Philosophen Plato. Konkret entworfen ist die Maskottchentrias der WM im neunten Buch von Platos Hauptwerk „Der Staat“. Dort wird der Leser aufgefordert, sich ein Fabelwesen vorzustellen, das aus drei Kreaturen zusammengewachsen ist, und zwar, ich zitiere (588c ff.), „zunächst aus einer buntscheckigen, vielköpfigen Gestalt ... ferner, als Zweites, einem Löwen und als Drittes einem Menschen ... wobei der Mensch am kleinsten geraten sein soll“.

Das wären sie dann wohl in vertrauter Dreieinigkeit, Goleo und Pille sowie das vielköpfige WM-Logo, grafisch angepasst für das dritte Jahrtausend, mittlerweile auf jedem Markplatz des Planeten erhältlich. Und keine Seele ahnt etwas von diesem fußballphilosophischen Coup! Das Organisationskomitee verschweigt die Originalquelle beharrlich. Um urheberrechtliche Bedenken dürfte es kaum gehen, das Copyright auf Platos Ideen ist seit Ewigkeiten erloschen. Dennoch hat es der Philosophenkönig nicht verdient, einfach übergangen zu werden. Umso mehr nicht, als Platos Schöpfung auch inhaltlich voll auf Fifa-Linie liegt. Tatsächlich kreist das gesamte neunte Buch seines Hauptwerks um die Frage, ob sich Fair Play wirklich auszahlt.

Stellen wir uns einen mit allen Wassern gewaschenen Profi vor, der seinem Team mit einer unfairen Aktion (etwa einer Schwalbe) zum WM-Titel verhilft, so fragt Plato: Hat dieser Mensch sich und seinem Land damit einen Dienst erwiesen? Können wir uns solche Fußballer (und ihre Fans) als wahrhaft glückliche Wesen vorstellen? Die Antwort auf diese Fifa- Schlüsselfrage erhellt das Maskottchen. Plato regt uns zu der Vorstellung an, solch ein dreigeeintes Fabelwesen aus Vielfratze, Löwe und Menschlein wohne in jedem Einzelnen von uns. Die grellen Fratzen verkörpern unsere niedersten und elementarsten Triebe, die Löwengestalt den grundmenschlichen Drang nach Macht, Sieg und unsterblichem Ruhm. Den kleinen Mensch in uns Menschen aber treibt die Sehnsucht nach Wahrheit und (Selbst-) Erkenntnis – und damit nach den edelsten und eigentlichen Freuden unserer Existenz.

Welches dieser drei Wesen wird von König Fußball nun besonders angesprochen? Ganz klar, alle drei auf einmal, und jedes auf eigene Weise! Darin liegt wohl das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieses göttlichen Spiels. Die Neonwesen des WM-Logos stehen demnach für die niederen und oftmals rauschhaften Triebbefriedigungen des Fußballs, der Löwe Goleo für den allzu natürlichen Ehrgeiz nach Wettstreit und Sieg, wobei der überlang gestreckte Hals des Tieres den Weg zu höheren Befriedigungen weist, nämlich den Drang nach Einsicht in die spielerischen Bedingungen unseres Daseins, die uns niemand überzeugender als der menschgewordene Ball Pille nahe bringen wird.

Mit anderen Worten: Jeder wahre Fußballer, der sich selbst erkennt, trägt nach Plato ein WM-Maskottchen 2006 in seinem Inneren. Und sollte ein unfairer Akt wie eine Strafraum-Schwalbe ihm den Sieg bringen, mögen zwar die Fratzen im Inneren jubeln, der Löwe aber wendet sich beschämt ab, und der kleine vernünftige Mensch im eigenen Selbst wird – mit dialogischem Feinsinn und einfallsreichem Vorwitz – weiter die Verwirklichung des Fair-Play-Ideals ansinnen.

Das alles hätten uns die WM-Verantwortlichen zur scharf kritisierten Einführung ihrer Plato-Plagiate Goleo, Pille sowie den ekstatischen Grinseköpfen mitteilen können, ja mitteilen müssen. Warum sie es bis heute nicht getan haben? Nur eine offizielle Stellungnahme kann hier Klärung bringen. Die Anfrage läuft.

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