Sport : Alte Daviscup-Gefühle nur noch "vergilbte Bilder"

JÖRG ALLMEROTH

Becker: Umstrittener Kooperationsvertrag als Bonuszahlung VON JÖRG ALLMEROTH

Dubai.Unter der Sonne Floridas hat Boris Becker "zum Glück" nicht viel mitbekommen vom "merkwürdigen Daviscup-Theater in Deutschland".Von all "diesen fruchtlosen Diskussionen".Und auch nicht "von den Ergebnissen des Teams".Er hat sich statt dessen lieber auf seine nächsten Tennis-Aufgaben vorbereitet, hat vor seinem Abflug nach Dubai "malocht und geackert wie ein Verrückter". Das Schuften für Form und Fitneß in der Sonne Floridas soll sich beim ATP-Turnier im kleinen, feinen Öl-Emirat am Persischen Golf lohnen für den dreimaligen deutschen Wimbledonsieger: In der Wüste will Becker diese Woche ein Comeback feiern - vier Wochen nach dem schockierenden Erstrunden-Aus bei den Australian Open gegen den Spanier Carlos Moya."Eigentlich beginnt mein Tennis-Jahr jetzt noch einmal ganz neu", sagt der in der Weltrangliste auf Platz 13 abgerutschte Becker, der am Mittwoch auf Landsmann Marc-Kevin Goellner trifft. Aber der Sturz aus den Top Ten der Tennis-Charts stört den Altmeister genau so wenig wie das Gezänk um seine Daviscup-Abstinenz am vergangenen Wochenende in Mallorca - bei einem Spiel, von dem er glaubt, "daß wir es auch verloren hätten, wenn Michael und ich angetreten wären".Außerdem hat sich Becker aus der "endlosen und ermüdenden Daviscup-Debatte" ohnehin weitgehend verabschiedet, und wenn er überhaupt noch dazu Stellung nimmt, so wie am Sonntagabend im Gespräch auf dem Center Court von Dubai, dann gleichmütig und gelassen."Seit 14 Jahren werden im Daviscup Schlagzeilen über mich produziert", sagt Becker, "mal bin ich der Held und der Retter des Vaterlandes - und mal der Bösewicht." Mit diesen "Wechselbädern" könne er inzwischen "sehr gut leben", sagt Becker. Geschäftsmäßig und distanziert betrachtet der Weltbürger Becker inzwischen das Daviscup-Geschehen.Einer, der längst keine "nationalen Anwandlungen" mehr bei den Tennis-Länderspielen verspürt und der sich auch nicht mehr als "deutscher Botschafter mit dem Racket" sieht.Die alten Daviscup-Zeiten, die großen Gefühle und großen Siege sind für Becker "vergilbte Bilder" im Familienalbum.Wenn er denn im Herbst, beim Relegationsspiel um den Verbleib in der Weltgruppe, wieder antritt - und dazu erklärte er in Dubai seine "generelle Bereitschaft" -, dann wäre es für Becker eine "ganz normale Arbeit": "Man geht hin, macht seinen Job und fährt wieder zur Familie zurück." Die Aufregung daheim um den millionenschweren Kooperationsvertrag mit dem Deutschen Tennis Bund kann Becker weder verstehen noch nachvollziehen."Ich fühle mich ganz und gar nicht als Buhmann", sagt er, "es ist absurd, daß jetzt alle mit dem Finger auf mich zeigen." Weil viele in den letzten 14 Jahren gut an ihm verdient haben, weil sein Wimbledonsieg einst die Initialzündung war für Boomjahre und Milliardengeschäfte, fühlt Becker sich nicht im geringsten schuldig, daß ihm auf Umwegen nun Geld zurückgezahlt wird."Die Amerikaner lachen sich sowieso tot, wenn sie unsere Diskussionen hören", sagt Becker, "da werden ganz andere Summen im Profisport bewegt." In Deutschland beklagt Becker, und das nicht zum erstenmal, dagegen eine Stimmung, "in der die an den Pranger gestellt werden, die Tennis groß gemacht haben". Seinen Vertrag mit dem DTB kennt Becker, "nicht aus dem Eff-Eff".Aber was auch immer drin stehe, sagt er ausdruckslos, werde von ihm "voll erfüllt".Der 29jährige will sich auch gar nicht drehen und wenden bei seiner Wortwahl, er steht er im Grunde fest und entschlossen zur Tatsache, daß die Gelder vom DTB versteckte Bonuszahlungen sind - für die Großtaten der Vergangenheit. Und eines weiß Becker auch: Nichts ist älter ist als die Schlagzeilen von gestern."Im letzten Jahr habe ich die Australian Open gewonnen, habe nicht im Daviscup gespielt - und keiner hat sich groß aufgeregt", sagt er, "wenn ich jetzt wieder gut spiele und einen Turniersieg feiere, dann ist auch das Vertragsgerede wieder Schnee von gestern, dann interessiert das keinen Menschen mehr".Und so geht er völlig entspannt wieder an die Arbeit, diese Woche Dubai - mitten in der Wüste.

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