Sport : Alte Riesen in Lissabon

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Wolfram Eilenberger nimmt schon vor der FußballEM Abschied

Portugal ist, rein fußballerisch gesehen, das Gegenteil von Berti Vogts. Davon jedenfalls ist Berti Vogts überzeugt. Mit seiner urdeutschen Schwärmerei vom federnden Tanzschritt, der erotischen Ballbeziehung und betörenden Hüftschwüngen beschrieb der einstige Bundestrainer ein Entwicklungsideal, dem unsere Nationalmannschaft auch bei dieser EM keinen Schritt näher kommen wird. Das macht aber auch gar nichts. Schließlich fahren wir nicht zum Spielen hin, sondern um Holland wegzubürsten. Das Weitere wird sich schon finden.

Ganz anders als für Deutschland, das im Turnier nur ein Etappe zum großen Ziel 2006 erkennen kann, ist es für die Gastgeber letzte Titelchance. Allerdings war die Mannschaft um Luis Figo, Rui Costa und Fernando Cauto schon zu oft enttäuschender Favorit, als dass sie ihre Ambitionen diesmal in entsprechende Ergebnisse umsetzen könnte. Ein ruhmreiches und natürlich ungerechtes Ausscheiden im Halbfinale mag ihnen von Herzen gegönnt sein. Mehr aber ist beim besten Willen nicht drin.

Nicht nur Portugals „Goldene Generation“ gerät diesen Sommer ans Ende ihrer Reise. Nach allem, was sich prophezeien lässt, wird es ein Turnier der großen Abschiede. Auch die eigentlichen Titelanwärter Frankreich und Holland stehen vor einem einschneidenden Generationswechsel. Charaktere wie Lilian Thuram, Bixente Lizarazu und Marcel Desailly verlassen 2004 die große Fußballbühne. Und läuft es, wie es soll, werden die talentierten Herren de Boer, Stam, Davids und Seedorf gänzlich titellos mit ihnen weichen. Wären sie nicht selber schuld, man könnte sie fast bedauern.

Nicht zuletzt wird sie nach dieser EM wieder frei, die Krone um den besten Spieler des Kontinents. Mit dem Abschied des grandiosen, einen und einzigen Zinedine Zidane findet in Portugal deshalb tatsächlich ein ganzes Jahrzehnt europäischer Spitzenfußball seinen Abschluss.

Es könnte dafür keinen schöneren Ort geben als Portugal und ganz besonders Lissabon, wo Europa nicht mehr ganz Europa ist und jede Gasse von einer Vergangenheit erzählt, die um so vieles schöner und glanzvoller bleibt als alles, was eine Zukunft je bringen kann.

So werden die Fans im einstigen Weltreich auch nach dieser großen Fußballfeier wieder versonnen zurückschauen und von fernen Zeiten, verlorenen Kronen und vergangener Größe schwärmen; sowie natürlich – wir befürchten das Beste – von einer deutschen Finalmannschaft, die mal wieder so gespielt hat wie, na, wie hieß er noch, dieser krummbeinige Alleszermalmer neben Beckenbauer.

Vogts? Ja, genau wie Vogts.

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