Sport : Am Boden

Den deutschen Handball-Nationalspielern fällt es noch schwer, sich über die WM-Silbermedaille zu freuen

Martin E. Hiller

Lissabon. Er war vielleicht der unglücklichste Mensch im Pavilhao Atlantico. Nachdem die deutsche Handball-Nationalmannschaft das WM-Finale gegen Kroatien verloren hatte, setzte sich ihr Kapitän Markus Baur an die Bande, den Blick auf den Boden gerichtet. Die Schatten unter seinen Augen erzählten von der zweiwöchigen Anspannung, die sich nicht in einem Triumph hatte entladen können. Hinzu kam: Baur hatte zwar das Spiel mit seinen Mitspielern zusammen verloren; aber irgendwie hat er es auch mehr verloren als die anderen.

Baur, dessen Formkurve im Verlauf der Weltmeisterschaft nach unten gezeigt hatte, war am Sonntag im Finale von seiner Bestform ein Stück entfernt – gerade als die Mannschaft ihn nach den Ausfällen von Volker Zerbe und Stefan Kretzschmar so dringend gebraucht hätte. Über die vorangegangenen Partien hatte Baur, der erst vor Wochenfrist zum deutschen Handballer des Jahres gewählt worden war, noch sagen können, dass „mir meine Leistung scheißegal ist, solange wir gewinnen“. Doch nach dem Finale, in dem Baur sogar ein Anspiel um einen Meter an seinem Mitspieler vorbei ins Publikum platziert hatte, blieb dem Spieler vom TBV Lemgo kein Trost.

Christian Schwarzer, Baurs Kollege im Verein und in der Nationalmannschaft, kam zu ihm, um ihn wieder aufzurichten, doch es wollte nicht so recht gelingen. Auch Schwarzer, der zum wertvollsten Spieler des Turniers ernannt wurde, hatte mit seiner „sehr, sehr bitteren Enttäuschung zu kämpfen“, doch er schaffte es auch, schon wieder nach vorne zu blicken. „Bei der Europameisterschaft und bei Olympia im nächsten Jahr haben wir alle unsere Verletzten wieder an Bord, da will ich dann eine Medaille aus Gold.“ Schwer getroffen war Florian Kehrmann. Der Rechtsaußen der deutschen Mannschaft schien die Niederlage gar nicht fassen zu können. „Ich weiß nicht, wo ich hin soll“, sagte Kehrmann, nachdem er seine Silbermedaille entgegengenommen hatte.

Es war ein schwerer Moment für jeden deutschen Spieler – auch für die, die am Sonntag unbeteiligt zuschauen mussten. Die wohl tragischste Figur des Wochenendes war Stefan Kretzschmar. Der Linksaußen vom SC Magdeburg hatte eigentlich mit seinem 200. Länderspiel seinen Weltmeisterschafts-Abschied nehmen wollen, musste aber mit gebrochenem Finger beim Endspiel zusehen. „Das ist ein ganz fieses Gefühl, ich kann’s nicht anders sagen“, sagte der 29-Jährige, der seine Mannschaft während des Spiels von der Tribüne aus ohne Unterbrechung angefeuert hatte.

Trainer und Verantwortliche des deutschen Teams konnten jedoch mit einigen Momenten Abstand zum Spiel ein positives Fazit des Turniers ziehen. Horst Bredemeier, der frühere Bundestrainer und heutige Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Handball-Bund (DHB), äußerte sich voller Lob über die Mannschaft: „Innerhalb eines Jahres zwei Silbermedaillen zu gewinnen, ist eine tolle Leistung. Wie die Jungs das hier durchgezogen haben, das war herausragend.“ DHB-Präsident Ulli Strombach konnte da nur zustimmen. „Im Finale hat es eine Niederlage gegeben, doch im Turnier haben wir einen Sieg errungen.“

Auch Bundestrainer Heiner Brand, dem Bredemeier „überragende Arbeit in den letzten Jahren“ bescheinigte, wusste anzuerkennen, was seine Männer in den vergangenen beiden Wochen in Viseu, Povoa de Varzim und Lissabon geleistet hatten. „Diese Mannschaft hat keine Kritik verdient, sie hat bewundernswert gekämpft“, sagte Brand nach dem Finale. Der Bundestrainer hatte wohl erkannt, dass die deutsche Mannschaft den Sieg gegen Kroatien an diesem Tag nicht wirklich verdient gehabt hätte. „Irgendwo im Spiel hatten wir immer Probleme“, sagte Brand. Tatsächlich hatten die ideenlosen Kombinationen und unsauberen Abspiele gezeigt, dass mehrere Stammspieler fehlten, dass sich mit dem angeschlagenen Christian Zeitz ein weiterer starker Werfer im Laufe des Spiels verabschiedete und dass eben Markus Baur nicht seinen besten Tag erwischt hatte.

Für Baur wird es ebenso wenig wie für seine Mannschaftskollegen viel Zeit zur Regeneration geben. Schon am kommenden Samstag muss Baur wieder Handball spielen. Der TBV Lemgo empfängt den Bundesliga-Konkurrenten Frisch Auf Göppingen, und dabei muss er die verletzen Zerbe und Daniel Stephan ersetzen. „Irgendwie wird man dann schon wieder Motivation aufbringen“, sagte Baur. Er sah dabei allerdings nicht so aus, als wüsste er, wie das funktionieren soll.

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