Amelie Kober : Mit Blaulicht nach Vancouver

Snowboarderin Amelie Kober führt im Weltcup und will ihren Erfolg von Olympia 2006 wiederholen.

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Foto: AFPGETTY IMAGES NORTH AMERICA

Wenn sich Amelie Kober an den 23. Februar 2006 erinnert, fällt ihr die Autofahrt von Bardonecchia nach Turin ein. In einer Limousine bewältigte sie die 92 Kilometer auf der Autobahn vom Snowboard-Parcours bis zur Medal-Plaza der Olympischen Spiele, ständig riefen Journalisten an, um Interviews mit der damals 18-Jährigen zu führen, während vor ihr die Autos freiwillig Platz machten. „Wir sind mit Blaulicht gefahren“, berichtet Amelie Kober, „das war cool.“

Gut möglich, dass sie Ähnliches am 26. Februar 2010 erleben wird. Hatte sie in Turin mit ihrer Silbermedaille im Parallel-Riesenslalom noch überrascht, so zählt die junge Snowboarderin bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver zu den größten deutschen Medaillenhoffnungen. „Ich versuche, noch nicht so viel an die Olympischen Spiele zu denken“, sagt Amelie Kober, „erst mal an die nächsten Weltcups.“ So will sie am Mittwoch im Parallel-Riesenslalom von Kreischberg ihre Weltcupführung verteidigen. Für die Olympischen Spiele hatte sie sich bereits bei ihrem ersten Riesenslalom in dieser Saison in Telluride mit Platz zwei qualifiziert.

Amelie Kober ist damit eine von fünf Aktiven des Snowboard-Verbandes Deutschland (SVD), die bereits die Qualifikationskriterien erfüllt haben. Auch Selina Jörg, Isabella Laböck, Patrick Bussler (alle Parallel-Riesenslalom) und David Speiser (Snowboardcross) können sich auf die Reise nach Vancouver freuen. Sie alle werden dort unter großem Erfolgszwang stehen, denn ihr chronisch klammer Verband benötigt ein bis zwei olympische Medaillen, um seinen Etat von 1,1 Millionen Euro aufrecht erhalten zu können. Ein Großteil dieser Summe erhält der Verband vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), mit dem er eine erfolgsabhängige Zielvereinbarung für die Olympischen Spiele 2010 getroffen hat. Die größte Last liegt deshalb auf dem Star des Verbandes: Amelie Kober.

Sie muss ihren Verband vor der Pleite retten. „Ich denke überhaupt nicht darüber nach, was der Verband braucht“, sagt Kober, „wenn der Verband ein ordentliches Marketingkonzept hätte, dann wäre er nicht in dieser Situation.“ Gegenwärtig besitzt der SVD keinen einzigen Sponsor, Amelie Kober hingegen fünf.

Kober berichtet, sie habe nach Turin vorgeschlagen, ihre Olympiamedaille nicht nur als Einzelperson sondern auch über den Verband zu vermarkten. „Leider ist nichts geschehen“, sagt sie, „außer dass sich die Situation eigentlich noch verschlechtert hat.“ Inzwischen ist dem Verband auch noch ein Fahrzeugsponsor abhanden gekommen. Und am Trainingslager mussten sich die Fahrer mitbeteiligen, allerdings haben sich das die Aktiven selber ausgesucht. „Wir standen vor der Wahl, in Europa zu trainieren oder ein richtig gutes Trainingslager in Neuseeland zu machen“, erzählt Amelie Kober. Bei ihr hat die Bundespolizei, ihr Arbeitgeber, diese Summe aufgebracht.

Mit ihrer Polizeiausbildung hat sich Amelie Kober nach anfänglichen Schwierigkeiten angefreundet. „Das hat sich im zweiten Jahr rapide verbessert“, sagt sie. Im Sommer musste sie die schriftlichen und mündlichen Prüfungen zur Polizeimeisterin absolvieren, zwischendrin trainierte sie in Neuseeland. „Das war stressig“, berichtet sie. Ihre Polizeischulklasse hatte gewettet, wer am schlechtesten abschneiden würde. Amelie Kober galt wegen ihrer Fehlzeiten als Favoritin. „Aber ich war es nicht“, sagt sie, „da waren alle überrascht.“

Man sollte sie eben nicht unterschätzen. Amelie Kober ist ehrgeizig und reifer, als es ihr junges Alter von 22 Jahren aussagt. Vor vier Jahren ist sie zu Hause ausgezogen, ihre Geschwindigkeits- und Abenteuerlust lebt sie beim Motorradfahren aus. Bungeespringen und Tandem- Fallschirmspringen hat sie auch schon durch. „Aber das sind beides Sachen, bei denen man die Verantwortung aus der Hand gibt, und das macht mir nicht so viel Spaß“, sagt sie.

Sie mag die Dinge kontrollieren, deshalb ist sie auch eine untypische Vertreterin ihrer Sportart. Sie aber betrachtet diese mit anderen Augen als so mancher Freestyler, für den Skifahrer auf der Piste die natürlichen Feinde sind und Snowboarden ein Lebensgefühl ist. Amelie Kober sieht das anders. „Für mich beschränkt sich das Snowboarden auf meinen Beruf“, sagt sie, „in der Freizeit gehe ich lieber Skifahren.“

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