Analyse : Alba Berlin: Minuspunkte für Europa

Höchster Etat, bester Kader: Wie es trotzdem zum Play-off-Aus für Alba Berlin kommen konnte.

Helen Ruwald,Lars Spannagel

Berlin - Der Sinneswandel ging ganz schnell. Bis Donnerstagabend kurz nach 22 Uhr war Luka Pavicevic der Meinung, „dass wir trotz vieler Verletzter eine exzellente Saison hatten“. Schließlich hatte Alba Berlin den deutschen Pokal gewonnen, zeigte in der Europaliga zum Teil begeisternde Spiele, zog überraschend in die Zwischenrunde ein und qualifizierte sich als Hauptrundenerster der Basketball-Bundesliga für die Play-offs. Doch binnen Minuten änderte sich die Einschätzung des Trainers. „Nach meinem Maßstab war es keine erfolgreiche Saison“, gab der Serbe äußerlich gefasst nach der 71:82-Niederlage im fünften Play-off-Halbfinale gegen die Baskets Bonn zu. „Aber das ist kein Drama“, schob Pavicevic nach, „wir müssen akzeptieren, dass es andere Teams gibt, die gleichermaßen fähig und motiviert sind.“

Sehr glaubwürdig klang der Serbe nicht, schließlich war der Titel das immer wieder proklamierte Ziel. Doch im Finale treffen Bonn und Oldenburg aufeinander, Alba bleibt die Aufgabe zu analysieren, warum der höchste Etat und der bestbesetzte Kader aller Bundesligisten nicht zur Titelverteidigung reichten.

Schon im Viertelfinale hatte Alba fünf Spiele gebraucht, um sich gegen den Tabellenachten Paderborn durchzusetzen. Gegen Bonn gelang nach 0:2-Rückstand zwar mit einem Kraftakt noch der kaum für möglich gehaltene Ausgleich, doch zu einem dritten Sieg waren Berlins Profis nicht mehr fähig. „Es war schwierig, Hunger und Energielevel noch einmal auf das gleiche Niveau zu bekommen wie zuvor“, sagte Pavicevic. „Der Einsatz war da, aber die nötige Leidenschaft hat gefehlt.“ Mehrmals war es Alba in der Halbfinal-Serie gelungen, Spiele nach Rückständen zu drehen. Auch beim fünften Aufeinandertreffen begann Alba beim Stand von 35:55, die Gäste zu überrennen. Auf sieben Punkte brachte ihre individuelle Klasse die Berliner noch einmal heran, weiter nicht. „Vielleicht haben wir es für selbstverständlich gehalten, dass es wieder klappt“, sagte Spielmacher Steffen Hamann. Von zu großem Druck oder Nervosität will Julius Jenkins, dem am Donnerstag wenig gelang, nichts wissen. „Wir sind nie nervös“, behauptet er. „Man gewinnt oder verliert. Heute haben wir verloren. Jetzt müssen wir uns auf die nächste Saison konzentrieren.“ Jenkins stand eine Stunde nach Spielende schon wieder lachend mit Immanuel McElroy zusammen, sonderlich niedergeschlagen wirkten beide nicht.

Jenkins wird in der kommenden Saison erneut das Alba-Trikot tragen, genauso wie Hamann, der derzeit verletzte McElroy, Adam Chubb und Johannes Herber. Bei Ansu Sesay besitzt Alba eine Option auf Verlängerung, alle anderen Verträge laufen aus. Sesay hat ebenso nur phasenweise überzeugt wie der ehemalige NBA-Profi Casey Jacobsen, der seine Gefährlichkeit als Distanzschütze nur sporadisch ausspielen konnte oder durfte, und Aufbauspieler Rashad Wright. Letzterer spielte unter Pavicevic schon in Serbien.

Nicht nur für Wrights Verpflichtung muss Pavicevic nun Verantwortung übernehmen, sondern auch für seine starre Rotation, die oft mehr nach Schema F ausgerichtet schien denn nach dem Spielverlauf. Die deutschen Nationalspieler Hamann, Herber, Philip Zwiener und Patrick Femerling, der monatelang verletzt ausfiel und dann hauptsächlich Tribünengast war, spielten in Pavicevics Planungen nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle – eine Entscheidung, die nun viele Fragen aufwirft. Doch während einige Spieler Alba sicherlich verlassen werden, soll Pavicevic, dessen Vertrag im Frühjahr vorzeitig bis 2012 verlängert wurde, bleiben. Daran ließ Geschäftsführer Marco Baldi in der Stunde des Scheiterns keinen Zweifel (siehe Interview rechts).

Mit dem Aus im Titelkampf hat Alba auch das zweite Saisonziel verpasst: die sportliche Qualifikation für die Europaliga. Der Klub kann jetzt nur noch auf eine von zwei Wild Cards hoffen. Ende Juni, wenn die Saison in allen europäischen Ligen abgeschlossen ist, wird die Europaliga ein Team direkt für die Gruppenphase zulassen und ein weiteres in die Qualifikation schicken, in der zwei von acht Mannschaften weiterkommen. Die Europaliga-Verantwortlichen berücksichtigen dabei mehrere Kriterien. Für Alba spricht die Arena am Ostbahnhof, die den Berlinern nach dem Umzug aus der Max-Schmeling-Halle den höchsten Zuschauerschnitt aller Teams in der Europaliga-Hauptrunde bescherte und auch als Austragungsstätte des Final-Four-Turniers überzeugte.

Der äußerst schwache deutsche Fernsehmarkt könnte Alba hingegen schaden. Weitere Kriterien sind europäische Erfolge der Vergangenheit sowie das sportliche Potenzial des aktuellen Teams. In diesem Bereich hat Alba am Donnerstag Minuspunkte gesammelt.

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