Analyse : Hertha hat ein Glaskinn

Es hat sich herumgesprochen, wie Berlins Bundesligist zu schlagen ist: Mit Kampf.

Michael Rosentritt

Berlin - Unter der Woche hatte Hertha BSC einen Teilerfolg gelandet. Nicht irgendwo, sondern im Vorhof von Energie Cottbus. Der Berliner Bundesligist schloss mutig eine Kooperation mit „Tropical Islands“ ab. Das ist eine überdachte tropische Urlaubswelt im südlichen Brandenburg, mittig gelegen auf der Achse Berlin–Cottbus. Die Rache der Lausitzer fiel zwei Tage später derb aus. Den Cottbusern, die als Tabellenletzter in die Hauptstadt angereist waren, genügte ein konstruktiver Angriff zum 1:0, und Hertha waren Mut und Moral genommen. Während die Cottbuser erstmals in dieser Saison die Abstiegsplätze verlassen haben und ihr Trainer Bojan Prasnikar sie auf einem Weg „in eine gute Richtung“ sieht, fällt ihnen Hertha von oben entgegen. Man könnte auch sagen: Cottbus singt, Hertha sinkt.

Eine Heimniederlage gegen Cottbus ist so ziemlich das Schlimmste, was einem in der Bundesliga passieren kann. Dieser peinliche Fall gilt immer noch als Höchststrafe. „Ich habe ja schon einiges erlebt“, sagte Arne Friedrich nach dem Spiel, „aber so etwas wie heute noch nie – einfach erbärmlich.“ Herthas Kapitän rang um Worte. Und um Fassung.

Am Tag danach blieben viele Erklärungsversuche in Ansätzen stecken. Herthas Trainer Lucien Favre führte die Niederlage auf „technische Defizite“ zurück. Doch in aller Regel verliert keine Mannschaft in der Bundesliga wegen technischer Defizite gegen Cottbus. Sie verliert gegen Cottbus, wenn sie auf Primärtugenden wie Kampf, Einsatzwille und Zweikampfhärte, diese Faktoren, die Cottbus in Ermangelung spielerischer Möglichkeiten einsetzt, nicht in gleichem Maße reagiert. Die Berliner setzen diese robuste Spielweise deswegen nicht ein, weil sie die nicht beherrschen. Die Frage lautet: Können sie nicht oder wollen sie nicht?

Die Antwort nimmt ihren Ausgang beim Trainer. Favre war einst selbst ein eleganter Fußballer, technisch beschlagen, ein typischer Linksfüßer mit gutem Auge und geschmeidigen Bewegungen. Diese Qualitäten machen einen Fußball möglich, wie er Favre heute als Trainer vorschwebt. Es ist ein Fußball, wie ihn Spanien bei der EM spielte: schnell, direkt, kreativ, kombinationssicher, offensiv. Der Haken an der Sache ist, dass Hertha nicht das Personal für diese Spielweise hat.

In Berlin formt Favre seine Mannschaft nach seinem Vorbild. Er glaubt, die vielen jungen Spieler zu diesem Spiel befähigen zu können. Das körperbetonte Spiel mit Kraft und Härte mag er nicht. Er muss es nicht mögen, aber vielleicht hat es dazu geführt, dass seine Mannschaft nicht in der Lage ist, im Bedarfsfall dieses Spiel anzunehmen.

„Die Moral gegen Cottbus war schnell unten“, sagte Lucien Favre gestern. Eine bedenkliche Einschätzung. Es scheint, als fürchte Hertha diese Spielweise. Zumindest hegen die Berliner einen ungesunden Respekt gegenüber Mannschaften, die eine etwas härtere Gangart anschlagen. Und: So etwas spricht sich schnell herum. Jeder weiß jetzt, wo Herthas Schwachstelle liegt: Hertha verträgt nichts. Im Boxen würde man von einem Glaskinn sprechen.

Wer aber nichts verträgt, wird auch im Fußball Probleme kriegen. Neulich versuchte es Borussia Dortmund erst gar nicht mit spielerischen Mitteln gegen Hertha, wie Trainer Jürgen Klopp hinterher verriet. Sein Team machte aus dem Pokalduell ein Kampfspiel und gewann. Und Cottbus? Cottbus kann es gar nicht anders.

Morgen muss Hertha im Uefa-Cup zum Rückspiel gegen St. Patrick’s in Dublin antreten. „Das wird nicht einfach“, sagte Favre. Wie auch? Die Iren können nicht gut kicken, aber sie können kämpfen. Wie die Cottbuser. Gegen die Lausitzer hatte es Favre mit anspruchsvollem Fußball probiert, ein gekonntes „Powerplay mit Geduld“, wie er es nannte. Das klappte zehn Minuten, dann war Hertha platt. Powerplay ohne Power gibt es nicht.

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